I n h a l t s ü b e r s i c h t
Für denjenigen, der an einem Projekt mitwirkt, verbietet es sich aus
naheliegenden Gründen, zu diesem eigenen Projekt bewertend Stellung zu
nehmen. Da sich der Verfasser dieser Zeilen in Bezug auf den
ejura-Examensexpress in der soeben beschriebenen Lage befindet,
beschränken sich die folgenden Bemerkungen auf eine beschreibende
Darstellung des Realisierten und der damit verbundenen Erwartungen
bzw. Hypothesen. Ziel dieser Beschreibung ist es, in knapper und
überschaubarer Form wesentliche Aspekte darzustellen, deren
Rekonstruktion aus der Online-Präsenz des Repetitoriums nur sehr viel
zeitaufwendiger möglich wäre. Der Beitrag versteht sich also als
Vorbereitung für die gezielte Inspektion des Online-Repetitoriums zum
Zwecke der Bildung eines eigenen kritischen Urteils.(1)
Diejenigen, die sich auf das 1. juristische Staatsexamen vorzubereiten
haben, besuchen in weit überwiegender Anzahl Veranstaltungen bei
Repetitoren. Versuche, an den Universitäten Konkurrenzangebote dazu
aufzubauen, sind erfolglos geblieben, was die breite Resonanz angeht.
Diese Lage wird oft als eine antagonistische wahrgenommen, in der
Repetitorien mit juristischen Fakultäten konkurrieren. Der
ejura-Examensexpress versteht sich als Unternehmen außerhalb dieser
Frontstellung. An ihm wirken Juristen mit, die sowohl aus beiden
Formen der Examensvorbereitung wie auch aus der wissenschaftlichen
Arbeit Erfahrungen mitbringen.(2)
Ein weiteres Charakteristikum der juristischen Examensvorbereitung
besteht darin, dass sowohl die Repetitorien als auch die universitären
Veranstaltungen vergleichbarer Art in Form
von Präsenzkursen gehalten werden. Der ejura-Examensexpress ist im
Gegensatz dazu als E-Learning-Plattform konzipiert. Dies schließt es
allerdings nicht aus, den ejura-Examensexpress mit beliebigen anderen
Angeboten in flexibler Form zu kombinieren. Das wird durch die
Flexibilität ermöglicht, mit der E-Learning-Angebote wahrgenommen
werden können. Es wäre übrigens auch nicht ausgeschlossen, in der
Form des "blended learning" gezielt auch universitäre
Examensvorbereitungskurse und den ejura-Examensexpress zusammenzubringen.(3)
Charakteristisch für die auf ein Repetitorium bezogene
Erwartungshaltung ist es, dass ein Gesamt-Repetitorium erwartet wird,
dass also das Programm des Repetitoriums den gesamten
examensrelevanten Stoff beinhalten soll. Deshalb ist auch der
ejura-Examensexpress so konzipiert. Er bietet allerdings auf Grund der
gegebenen E-Learning-Flexibilitäten auch die Möglichkeit,
bausteinartig nur den einen oder anderen Teil auszuwählen. Daraus
ergibt sich dann auch die eben beschriebene Kombinationsmöglichkeit.
3.1 Examens-"Express":
Die etappenweise Reise zum Ziel
Es erscheint sinnvoll, die Examensvorbereitung in überschaubare
Etappen aufzugliedern. Dadurch verliert der zunachst undifferenziert
als großer Block wahrgenommene Examensstoff einen Teil seines
Schreckens. Das schrittweise Erreichen kleiner Teilziele vermittelt
darüber hinaus in zwangloser Form ein Gefühl der ständig wachsenden
Sicherheit. Stück für Stück erlebt man so in der gleichmäßigen
Annäherung das große Ziel als ein im Prinzip erreichbares, bis
schließlich die Wahrnehmung des Angekommenseins mit dem Examenstermin
zusammenfällt.
Für die Vermittlung der beschriebenen emotionalen Qualitäten sind
sicher verschiedenartige "virtuelle" Metaphern and Erlebniswelten
denkbar. Festzuhalten ist aber, dass jede geeignete
E-Learning-Plattform den beschriebenen Prozess der Annaherung in
irgendeiner Form er"fahr"-bar machen muss. Beim ejura-Examensexpress
ist — wie der Name zum Ausdruck bringt — die gewählte Metapher, die dann auch konsequent durchgehalten wird, die des fahrenden Zuges.(4) Übrigens bringt diese Visualisierung noch etwas weiteres sofort zum
Ausdruck, nämlich die Möglichkeit des jederzeitigen Zusteigens (oder
gar Aufspringens), sollte man der Meinung sein, den einer bestimmten
Station vorgelagerten Weg bereits anderweitig absolviert zu haben.
Insgesamt präsentiert sich die "Lernfahrt" für die Teilnehmerinnen
und Teilnehmer im Gesamt-Netzplan wie folgt (vgl. Abb. 1).
Ergänzt wird dieser Gesamt-Netzplan durch Einzel-Netzpläne für das
Öffentliche Recht I und II, das Strafrecht, sowie für das Zivilrecht I und II.(5)
Abb. 1: Der Netzfahrplan
3.2 Der "Mikro-Weg":
"Lernpfade" in den Lernstationen
Der Netzfahrplan zerlegt — auch und gerade in der Wahrnehmung der
"Mitreisenden" — den gesamten Lernstoff in bereits kleinere, aber doch
noch große "chunks". Deshalb wird im Interesse noch größerer
Überschaubarkeit und Kleinschrittigkeit der Prozess der Zerlegung in
kleinere, entlang eines Lernpfads angesiedelte Lern- und
Arbeits-Einheiten in den einzelnen Lernstationen fortgesetzt. Dabei
ist die Logik der Zerlegung nicht nur eine methodische und
inhaltliche, sondem auch eine zeitliche. Der Zeitaufwand für jeden der
einzelnen Schritte wurde beim Erstellen der Lerneinheiten kalkuliert.(6) Auch dieses Element der bis hin zum einzelnen Lernschritt
durchgehaltenen zeitlichen Überschaubarkeit und Gleichmäßigkeit trägt
zur notwendigen inneren Ruhe bei der ansonsten als stressbelastet
empfundenen Examensvorbereitung bei.
Im Einzelnen sind die Lerneinheiten wie folgt segmentiert:
Jede Lerneinheit beginnt, wie es für das (auch wiederholende)
juristische Lernen typisch ist, mit der Formulierung eines Problems,
oft in Form eines kleinen Falles.
Im Anschluss an den Ausgangsfall/das Ausgangsproblem werden
die Texte (Gesetze, Urteile, Literatur) benannt, die man kennen muss,
will man kompetent in der Lage sein, den Ausgangsfall/das
Ausgangsproblem zu lösen. Dabei werden selbstverständlich die immer
zahlreicher zur Verfügung stehenden juristischen Online-Quellen
direkt per Link angebunden.(7) Für das Studium der angegebenen
Print-Quellen ist Bibliotheksarbeit notwendig, was ausdrücklich zum
Konzept des Online-Kurses gehört, bleibt doch die
Bibliothek ein Lernort, der auch im elektronischen Zeitalter aus vielerlei
Gründen seine Bedeutung zwar verändern wird, aber nicht verlieren darf.
Wichtig ist, dass die erforderliche Lektürezeit als Teil des veranschlagten
zeitlichen Gesamtbudgets angesehen wird und von den Autorinnen und Autoren
entsprechend mit kalkuliert wurde.
Bei der Lektüre erliegt man oft der gefährlichen Selbstsuggestion des
"Gelesen gleich Verstanden", da Texte sich nicht gegen das Missverstandenwerden zu wehren pflegen. Um dieser Form der Selbsttäuschung entgegenzuwirken, schließen sich an die
Pflichtlektüre Aufgaben an, deren einziger Zweck darin besteht, den Lernern die
Selbstkontrolle darüber zu ermöglichen, ob sie die problemrelevanten
Teile der studierten Texte verstanden haben.
Nachdem die Wissensgrundlagen durch Lektüre und Aufgabenkontrolle
gesichert sind, entwickelt die Lektion die Fall- bzw. Problemlösung,
wobei wiederum eingebaute Aufgaben gewährleisten sollen, dass eine
Selbstvergewisserung über den Grad des erreichten Verständnisses
möglich ist.
Das Wesentliche der einzelnen Lektion wird am Ende in Form einer
"Quintessenz" zusammengefasst.
Hinzu kommen können noch (moderat dosierte) Vertiefungshinweise. Es
handelt sich insoweit um eine optionale Eigenschaft der Lerneinheiten.
Die Beachtung dieser Abfolge-Struktur wird durch das Autorenwerkzeug
sichergestellt, mit dem gearbeitet wird.(8) Optisch präsentiert sich die
durch die beschriebene Struktur geprägte Navigationsleiste in einem
konkreten Beispiel aus dem öffentlichen Recht wie in Abbildung 3
dargestellt. Hinzugefügt sei, dass die verwendeten Symbole eine
durchgehend einheitlich festgelegte Semantik haben, die hier aus
Platzgründen nicht im Detail erläutert werden kann.(9)
3.3 Das Prinzip der ständigen Selbstvergewisserung über das Gelernte:
Die "persönliche Lernkurve"
Es war bereits von den in großer Zahl eingestreuten Aufgaben die Rede.
Diese haben den Zweck, in relativ dichter Folge den Lernern die
Möglichkeit der Selbsteinschätzung zu geben.(10) Kumulieren sich hier
kleine positive Selbsterfahrungen, so ist zu erwarten, dass sich
daraus ein ständig fester werdendes, realitätsnahes Sicherheitsgefühl
aufbaut. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass
Präsenzveranstaltungen in aller Regel eine solche Fülle gezielter
Rückmeldungen im "Micro-Teaching" aus organisatorischen Gründen nicht
zulassen. Hier liegt ein großer Vorteil der E-Learning-Plattformen.
Über die durch die einzelne Aufgabenlösung gewonnene punktuelle
Selbstgewissheit hinaus bedarf es aber auch noch eines Instruments, um
die erzielten Einzelergebnisse verlässlich aufzusummieren. Denn mit
der präzisen Aufsummierung vieler einzelner "Lernpunkte" sind wir
erfahrungsgemäß überfordert. Deswegen gibt es im ejura-Examensexpress
die "persönliche Lernkurve", die — getrennt für die einzelnen
"Linienpläne" (= Rechtsgebiete) — den durch die Aufgabenlösung
erreichten Lernerfolg zusammenfassend veranschaulicht. Man kann hier
über den allgemeinen Trend hinaus auch erkennen, ob sich der Lerntrend
in den einzelnen Fächern unterschiedlich entwickelt, was es erlaubt,
gezielt "gegenzusteuern".
Eine derartige "persönliche Lernkurve" sieht wie folgt aus:

Abb. 4: Beispiel für eine persönliche Lernkurve
Die Tatsache, dass hier für die einzelnen Aufgaben nicht viele
Eintragungen enthalten sind, erklärt sich zwanglos aus der Tatsache,
dass der Verfasser dieser Zeilen sich im System nicht intensiv genug
auf das Examen vorbereitet hat.(11)
Es geht bei dem eben vorgestellten Instrumentarium um gezielte und
präzise Lerntransparenz als eine wesentliche Qualität ziel- und
erfolgsorientierten Lernens. Lernumgebungen, die diese Eigenschaft
approximieren, setzen sich auch in der Erfahrung der Beteiligten von
denjenigen Lernangeboten ab, bei denen insgesamt das diffuse Gefühl
eines "Blindflugs" zurückbleibt. Zu ermitteln, ob es in den einzelnen
Angeboten gelungen ist, das Gefühl eines "Flugs auf Sicht" zu
vermitteln, ist eine Daueraufgabe für begleitende Evaluationen. Das
ändert aber nichts daran, dass Lerntransparenz als normatives Ziel
unumstritten sein dürfte.
Dass E-Learning im Vergleich zum traditionellen Lernen weitergehende
Flexibilitätsspielraume hinsichtlich von Ort und Zeit ermöglicht, ist
eine anerkannte Tatsache. Diesen Vorteil bringt das Medium
gewissermaßen "als solches" mit sich.(12)
Man kann die Flexibilitätsspielräume aber noch steigern, wenn man
bei der Segmentierung des Materials auf mögliche Lern-Flexibilitäten
gezielt Rücksicht nimmt. Dies ist beim ejura-Examensexpress dadurch
geschehen, dass über die gewählte Architektur mehrere Formen des
Durchgangs durch das Lernmaterial ermöglicht werden.
Es gibt zum einen den "Volldurchgang". Dabei benutzt man den
Examensexpress als einziges Instrument zur Examensvorbereitung.
Natürlich bleibt auch diese Nutzungsform noch kombinierbar mit anderen
Lernwegen. Angesichts des Zeitaufwandes für die komplette Nutzung des
Examensexpresses(13) dürfte aber bei realistischer Betrachtung wenig
Raum für Weiteres bleiben.
Man kann die Durcharbeitung zum anderen beschränken auf das Lösen
der in die Lektionen eingebetteten Aufgaben. Diese Arbeitsweise ist
kombinierbar mit beliebigen anderen Formen der Examensvorbereitung und
vermittelt bezogen auf den Gesamtprozess der Examensvorbereitung die
oben beschriebenen(14) Selbsteinschätzungseffekte. Im Examensexpress
selbst wird der auf das Durcharbeiten der Aufgaben beschränkte
kompakte Durchgang durch das Material als besonders intensive Form des
Wiederholens in Examensnähe für die drei letzten Monate vor dem Examen
empfohlen (sog. "Last-Minute-Check").
Schließlich bleibt als ultra-kompakte Form der Durcharbeitung noch
das Studieren und Repetieren der "Quintessenzen".
Über diese drei Grundmodelle hinaus sind weitere intelligente
Kombinationen denkbar, die der individuellen Situation bei der
Examensvorbereitung angepasst sind. Gerade sog. "Power Learner" werden
von dieser Möglichkeit Gebrauch machen.
Damit zeigt sich, dass die gewählte Architektur geeignet ist, ein
breites Spektrum von Lernerwartungen abzudecken. Dieses Spektrum
reicht von der Erwartung, durch ein Komplettangebot von der
individuellen Auswahlverantwortung bei der Examensvorbereitung befreit
zu sein, bis hin zu der Erwartung, gewissermaßen über einen Baukasten
zu verfügen, aus dem man je nach Lage und Lernziel intelligent
Werkzeuge auswählen kann. Natürlich wäre es pädagogisch ideal, wenn es
gelingen könnte, die Erwartung der "Rundumbetreuung" so zu
transformieren, dass Schritt für Schritt ein intelligenteres
Lernverhalten entsteht. Online-Lernumgebungen bieten auch diese
Chance, weil man gewissermaßen experimentell solche zunächst
ungewohnten Lernformen in der sicheren Gewissheit erproben kann, dass
es jederzeit möglich ist, sich in das "Sicherheitsnetz" der
vollständigen Anleitung zurückfallen zu lassen. Ein derartiges
Neugierverhalten dürfte in traditionellen Lernumgebungen kaum zu
realisieren sein.
Dass die Technik "nur" dienende Funktion hat, ist sicher wahr.
Trotzdem bleibt es auch zutreffend, dass ohne geeignete Technik
bestimmte anspruchsvolle didaktische Ideen nicht (oder nur
unzureichend) zu verwirklichen sind. Deswegen sind im Sinne einer
Gesamtbetrachtung einige knappe orientierende Bemerkungen zu der beim
Examensexpress gewählten informatik-technischen Lösung angezeigt.
5.1 Das Autorensystem
In Projekten mit einer Vielzahl von Autorinnen und Autoren führt unter
gegenwärtigen Akzeptanz-Bedingungen kein Weg an "Word" als Programm
für die Texterstellung vorbei. Insofern wurde auch hier "Word"
gewählt. Zu Grunde liegt eine Formatvorlage, die sicherstellt, dass
alle Lerneinheiten in Übereinstimmung mit den oben erläuterten
Vorgaben(15) strukturell einheitlich geschrieben werden. Es erfasst dies
z.B. auch den Aspekt des zeitlichen Kalküls. Makros sorgen dafür, dass
das Einfügen der verschiedenen Quellenarten und Verlinkungen nach
einem einheitlichen Schema erfolgen. Auch die Aufgabenerstellung wird
in Word durch Makros gesteuert. Das Ergebnis dieser Arbeitsweise sind
homogen strukturierte Word-Dokumente.
5.2 Vom Autorentext zur Datenbank:
Der Konverter
Da das Wirksystem mit der Datenbank MySQL und PHP-Modulen arbeitet,
wurde ein Konverter geschrieben, der die strukturierten Word-Dokumente
in diese Umgebung überführt.
5.3 Die
ejura-Examensexpress-Plattform
Die ejura-Examensexpress-Plattform ist eine Eigenentwicklung. Die
anderen evaluierten Plattformen genügten nicht den mit Blick auf das
juristische Material, die avisierten Lernmethoden und die
Autorensituation als notwendig erachteten Bedingungen.
Die Plattform basiert auf der Annahme, dass unter gegenwärtigen
Bedingungen "freie" Software-Instrumente für den Fall einer
Eigenentwicklung das Optimum darstellen, dies auch mit Blick auf die
nötige Nachhaltigkeit. Demgemäß wurde das System mit Hilfe von PHP-Modulen rund um die Datenbank MySQL konstruiert.
Es bedarf noch einiger knapper Hinweise, um deutlich zu machen, welche
Annahmen bezüglich der genannten Orientierungsgesichtspunkte letzten
Endes die Weichen in Richtung "Eigenentwicklung" stellten.
Das juristische Material ist wegen einer hohen, wahrscheinlich sogar
ständig zunehmenden Änderungsfrequenz in Gesetzgebung, Rechtsprechung
und Literatur zunehmend ein "moving target". Dem haben Lernplattformen
Rechnung zu tragen. Es muss beispielsweise bei jeder relevanten
Änderung in den genannten Bezugsparametern möglich sein, alle Stellen
in den Lerntexten zu identifizieren, die von solchen Änderungen
betroffen und möglicherweise änderungsbedürftig sind. Diesem
Erfordernis trägt die für den Examensexpress entwickelte Plattform
(inklusive der punktgenauen Benachrichtigung der Autorinnen und
Autoren über einschlägige Änderungen) Rechnung. Andere evaluierte
Plattformen waren, was diesen Benachrichtigungs- und Änderungskomfort
angeht, nicht auf eine Situation des permanenten, sich akzelerierenden
Wandels zugeschnitten.(16)
Wo immer ein Autorenteam am Werk ist, gibt es trotz der
Vorstrukturierungen durch die Word-Formatvorlagen (samt zusätzlicher
Makros) immer noch nachgehenden Vereinheitlichungsbedarf. Das ist der
Preis, den man dafür zu zahlen hat, dass man das Autorenteam nicht
auf noch rigidere Arbeitsprozeduren verpflichtet (was de facto
unmöglich ist). Die Examensexpress-Plattform sieht deswegen für alle
Zitierungen die Möglichkeit zentraler Vereinheitlichungen(17) vor. Diese
Modifizierungen werden in die Ausgangsdokumente zurückgeschrieben, sodass die Autorinnen und Autoren bei weiteren Bearbeitungsschritten von
dieser Vereinheitlichung profitieren. Auf diese Weise kann man in der
Kombination von dezentraler Arbeitsweise mit zentraler formaler
Vereinheitlichung einen Prozess in Gang setzen, der zu einem immer
höheren Grad von Homogenität in formaler Hinsicht fährt. Es scheint
dies übrigens die einzige realistische Kombinationsstrategie zu sein,
die eine derartige Dynamik freisetzt. Andere Szenarien wie etwa die
von umfangreichen an die Autoren adressierten Regelwerken sind
regelmäßig zum Scheitern verurteilt. Beim ejura-Examensexpress wurde
deshalb ein pragmatischer Kompromiss gewählt, der auf Folgendes
hinausläuft: So viel Vorstrukturierung, wie auf Autorenseite
akzeptabel, und so viel vereinheitlichende Nacharbeit, wie vom
Projektvolumen her darstellbar.
Die Gesamtheit der Zitierungen ist in einem großen
Wissenssystem eine wichtige Orientierungs- und Rückkopplungsgröße.
Die Summe dieser Zitierungen ist nämlich ein Indiz dafür, wann eine
Überforderung erreicht ist, würde man das Konsultieren aller Referenzquellen zur Pflicht machen. Gerade bei Systemen mit Autorenteams und
mangelnder Sichtbarkeit der Gesamt-Referenzmenge wird ein solcher
pathologischer Zustand leicht erreicht. Die Examensexpress-Plattform
sichert im Gegensatz dazu die Übersicht und erlaubt insofern eine
positive Rück-Kopplung. Dies wird auch dadurch unterstützt, dass den
Autorinnen und Autoren wie auch der Administration gezielte Recherchen
über das Gesamtkorpus der Zitierungen ermöglicht werden. Dies erlaubt
im Übrigen zusätzlich die Nachjustierung von Ungleichgewichten, die
der individuellen intuitiven Beurteilung entgangen sind.
Erstaunlicherweise verflügen zahlreiche Lernsysteme (übrigens
auch nicht wenige E-Mail-Systeme) nicht über eine
Wiedervorlage-Funktion. Die Examensexpress-Plattform erlaubt es, mit
durch die formalen Struktur-Kriterien gesteuerter feiner Granularität
ein persönliches Wiederholungssystem zu etablieren, das dem eigenen
Lernfortschritt entspricht. Beispielsweise ist es auch möglich,
gezielt die Aufgaben zur Wiedervorlage vorzumerken, bei deren
Bearbeitung im ersten Anlauf nicht die optimalen Ergebnisse erzielt
wurden.
Das "Cockpit" für diese Wiedervorlage-Funktion sieht wie folgt aus:

Abb. 5: Das "Cockpit" für die Wiedervorlage-Funktion
Strukturierte E-Learning-Umgebungen können trotz aller gegebenen
Flexibilitätsgrade(18) nicht jenes Maß an Individualität bieten, das
von der (unerschöpflichen) persönlichen Phantasie abhängt. Zugleich
sind sie — per definitionem — nicht in der Lage, die Freiheit
individuell konzertierter Interaktion als Erlebnisraum zu realisieren.
Weil all dies im Examensexpress als notwendige zusätzliche Erlebnis-
und Kooperationswelt für nötig erachtet wird, ist die integrierte
Wiki-Community ein wesentliches Element. Diese Community steht nicht
nur den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Examensexpresses zur
Verfügung. Sie ist darüber hinaus nach Registrierung kostenfrei für
alle verfügbar.(19)
In technischer Hinsicht ist die Community (samt allen gängigen und
vertrauten Community-Elementen) mit der Wiki-Distribution(20) realisiert,
die auch vom JuraWiki(21) genutzt wird. Eine Besonderheit der
Implementation besteht darin, dass zur Bildung von Arbeitsgruppen mit dem
Ziel der Examensvorbereitung angeregt werden soll. Diese Arbeitsgruppen
können sich zum einen in der "realen" Welt konstituieren, die Community
dient in dieser Variante als "bloße" Organisationshilfe. Zum anderen
können sich die Arbeitsgruppen als Teams in der "virtuellen"(22) Welt
zusammenfinden. In diesem Falle wird für sie ein eigenes,
arbeitsgruppeninternes Bild eingerichtet, das ihnen exklusiv zur
Verfügung steht. Wichtig aber ist, dass beide Formen von Arbeitsgruppen
die Möglichkeit haben, ihr Wiki als gemeinsam zu gestaltendes
Informationssystem zu begreifen. Darin liegt die
Chance, das für die Examensvorbereitung erarbeitete Wissen als
Baustein eines Informationssystems zu begreifen, das über diese
Lebenssituation hinweg seine Bedeutung als Teil einer im Studium
begonnenen und bis in den Beruf hineinreichenden
Informationsverarbeitung entfaltet.
In moderater Überschreitung des eingangs genannten
"Selbstbewertungsverbots" ist abschließend und zusammenfassend
vielleicht folgende Bemerkung gestattet: Die Konstrukteure des
Examensexpresses meinen, dass der vorgelegte Entwurf als ernsthafter
Prüf- und Diskussionsgegenstand für die kritische Phase der
Examensvorbereitung taugt. Was sich aus dieser Prüfung und Diskussion
ergeben kann, muss der kritische Diskurs erweisen.
Und dann gibt es, aus den Diskussionen im Examensexpress-Team
entstanden, eine (einstweilen noch individuelle) weitere
Denkperspektive: Es könnte sein, dass das bisherige juristische
"Repetitionsmodell" der Überholung bedarf. Möglicherweise wäre es
sachdienlicher, auch mit Bezug auf die Examensvorbereitung über ein
Lernmodell nachzudenken, das die bisherige, als obligatorisch
empfundene vor-examensmäßige separate und spezielle Repetitionsphase
als überflüssig erweist, weil es eine Alternative gibt: Die
Alternative nämlich, dass das universitäre Rechtslernen in zwangloser
Form so ins Examen übergeht, dass es einer distinkt-besonderen
Vorbereitungsphase nicht mehr bedarf. Partielle Abschichtungsmodelle
deuten den Weg in diese Richtung an. Sollte ein solches Lern- und
Prüfungsmodell Erfolg haben, könnte der "Examensexpress" zu etwas
mutieren, das man "Lernexpress" nennen könnte — und vielleicht sollte.
F u ß n o t e n
(*) Prof. Dr. Maximilian Herberger ist geschäftsführender Direktor des
Instituts für Rechtsinformatik an der Universität des Saarlandes
(
http://rechtsinformatik.jura.uni-sb.de) und Herausgeber der freien
Internet-Rechtsinformatik-Zeitschrift JurPC (
http://www.jurpc.de/).
Er wirkt außerdem beim Juristischen Internet-Projekt Saarbrücken mit
(
http://www.jura.uni-sb.de). Die Saarbrücker E-Learning-Erfahrungen
beruhen sehr wesentlich auf den Arbeitsergebnissen des bereits
mehrfach durchgeführten Online-Seminars
(
http://seminar.jura.uni-sb.de/seminar2004/index.shtml).
(1) Die URL lautet:
http://www.ejura-examensexpress.de. Vier Lektionen
sind direkt freigeschaltet. Für wissenschaftliche Evaluationen können
Vereinbarungen getroffen werden, die eine genauere Betrachtung
ermöglichen. Für eine erste Einordnung des Projekts in den
Zusammenhang juristischer E-Learning-Angebote vgl. Eric Hilgendorf,
Juristenausbildung und neue Medien, JZ 2005, Bd. 60, Heft 8, S. 365-372.
(2) Das Team stellt sich unter
http://www.ejura-examensexpress.de/team/ vor. Zu den
Rahmenbedingungen sei folgendes angemerkt: Es handelt sich insgesamt
um ein Angebot, das — mit Ausnahme der "community" — außerhalb von
Saarbrücken kostenpflichtig ist. Für Saarbrücker Studierende ist die
Teilnahme kostenlos.
(3) Zu weiteren Hinweisen in Sachen "Flexibilität" vgl. Kapitel 4:
Flexibilitätsspielraume für das Lernen und Wiederholen.
(4) Vgl. "Der Netzplan und die 5 Linienpline"
(
http://www.ejura-examensexpress.de/online-kurs/ej_plaene.php).
(5) Wegen der bundesweit großen Divergenz im Bereich der Wahlfachgruppen
gibt es noch keine Module für die Wahlfachgruppen.
(6) Der kalkulierte wöchentliche Zeitaufwand betragt 5 Stunden pro
Station (also insgesamt 20 Stunden).
(7) Integriert ist eine Urteilsdatenbank mit z.Zt. 6.307 Entscheidungen.
Für die zahlreichen weiteren juristischen Quellen im Netz sei
verwiesen auf die Erschließung durch das Juristische Internet-Projekt
Saarbrücken (
http://www.jura.uni-sb.de).
(8) Vgl. dazu Kapitel 5.1.
(9) Vgl. dazu im Detail
http://www.ejura-examensexpress.de/hilfe/reiseplan.shtml.
(10) Gegenwärtig handelt es sich um 2.700 Prüfungsaufgaben.
(11) ;-)))
(12) Eine interessante Erfahrung beim ejura-Examensexpress war insoweit
die, dass es Kunden im Ausland gibt, die sich von dort aus auf das 1. juristische Staatsexamen vorbereiten. Für diese Situation ist ein
E-Learning-Angebot die einzige Möglichkeit. Auf ein E-Learning-Angebot
ist man vielfach auch angewiesen, wenn man sich aus einer
Familienpause heraus auf das 1. juristische Staatsexamen vorbereiten
will. Auch das ist beim ejura-Examensexpress zu beobachten.
(13) Vgl. dazu oben Fußnote 6.
(14) Vgl. dazu Kapitel 3.3.
(15) Vgl. dazu Kapitel 3.
(16) Zum Thema "Änderungsbedarf gehört im Examensexpress noch ein
weiterer Aspekt: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können zu jedem
Lernelement punktgenau Änderungen vorschlagen, die dann
kontextspezifisch den jeweiligen Autorinnen und Autoren übermittelt
werden. Darauf bezogen muss die Architektur die Möglichkeit eines
permanenten und kontrollierten "re-writing" ermöglichen.
(17) Es gibt übrigens auch noch das Phänomen, dass Autorinnen und
Autoren über die Zeit mit sich selbst inkonsistent sind, was
Strukturierungen angeht. Die beschriebenen Instrumente, die
selbstverständlich auch den Autorinnen und Autoren und nicht nur einer
zentralen Instanz zur Verfügung stehen, bieten demgemäß die
Möglichkeit, die Konsistenz des eigenen Materials sicherzustellen.
(18) Vgl. dazu Kapitel 4.
(19) Obwohl es keine formale Prüfung gibt, ist eine Teilnahme natürlich
nur sinnvoll, wenn man sich in der Situation "Examensvorbereitung"
befindet.
(20) http://moinmoin.wikiwikiweb.de.
(21) http://www.jurawiki.de.
(22) Entgegen mancher Gepflogenheiten sei daran erinnert, dass auch die
"Virtualität" eine Form der "Realität" ist. Der Gegensatz hat also
eher damit zu tun, ob man sich in Formen der direkten sinnlichen
Wahrnehmung, gewissermaßen "face to face" begegnet oder nicht.
*
Prof. Dr. Maximilian Herberger ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Rechtsinformatik an der Universität des Saarlandes (http://rechtsinformatik.jura.uni-sb.de) und Herausgeber der freien Internet-Rechtsinformatik-Zeitschrift JurPC (http://www.jurpc.de/). Er wirkt außerdem beim Juristischen Internet-Projekt Saarbrücken mit (http://www.jura.uni-sb.de). Die Saarbrücker E-Learning-Erfahrungen beruhen sehr wesentlich auf den Arbeitsergebnissen des bereits mehrfach durchgeführten Online-Seminars (http://seminar.jura.uni-sb.de/seminar2004/index.shtml).