Home › JurPC Web-Dok. 180/2014 Spaced Repetition Software im Jura-Studium
Abstract Seit Sebastian Leitner in den 70er Jahren seine bekannte
Lernkartei vorstellte, hat sich auf dem Gebiet des Lernens mit
Karteikarten einiges getan. Moderne Spaced Repetition Programme
versprechen, durch verbesserte Lernalgorithmen das Problem des
Vergessens noch effizienter zu lösen. Der Beitrag
erläutert die Funktionsweise dieser neuartigen Lernprogramme
und geht der Frage nach, wie diese gewinnbringend im Jura-Studium
eingesetzt werden können. Neben den Chancen, die diese
Programme bieten, werden auch Schwierigkeiten und Gefahren
aufgezeigt, die ihre Anwendung mit sich bringt. Als
Lösungsansatz stellt der Autor die von ihm entwickelten
Jura-Vorlagen [1] vor,
eine Erweiterung für das beliebte Spaced Repetition Programm
Anki [2]. Inhalt 1. Lernpsychologische Grundlagen 3. Hinzufügen von Karteikarten 5. Traditionelle und moderne Spaced Repetition Systeme 3. Die Jura-Vorlagen als Lösungsansatz 1. Lernpsychologische Grundlagen Spätestens seitdem der deutsche Gedächtnisforscher Herrmann Ebbinghaus 1885 die sogenannte Vergessenskurve beschrieb, wissen wir, dass uns Wissen in aller Regel nicht dauerhaft, sondern lediglich für eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht.[3] Wollen wir es behalten, müssen wir uns innerhalb dieses Zeitraums erneut damit auseinandersetzen. Tun wir dies nicht, verblasst die Erinnerung und verschwindet schließlich ganz – use it or lose it. Wiederholung ist darum unbedingt erforderlich, wenn wir Wissen über einen längeren Zeitraum – bis zu einer Klausur, bis zum Examen oder gar lebenslang – behalten möchten. Spaced Repetition Programme versuchen, Wiederholungen maximal effizient zu gestalten, damit der Lernende damit nicht mehr Zeit verbringt, als unbedingt erforderlich. Was eine effiziente Wiederholung ausmacht, bestimmt die Lernforschung. Diese hat festgestellt, dass sowohl der Wiederholungszeitpunkt als auch der Wiederholungsmodus großen Einfluss darauf haben, wie effektiv eine Wiederholung ist: Diese beiden grundlegenden lernpsychologischen
Erkenntnisse werden durch Spaced Repetition Programme praktisch
nutzbar gemacht. Wie die Arbeit mit diesen Programmen aussieht, wird
im Folgenden am Beispiel von Anki, einem beliebten und quelloffenen
Spaced Repetition Programm, demonstriert.[7] Im einfachsten Sinne ist Anki ein Karteikartenprogramm.
Bei jedem Start zeigt die Software an, in welchen Stapeln wie viele
Karteikarten „fällig" sind (d.h. heute wiederholt werden
müssen) bzw. „neu" sind (also erstmals gelernt werden
müssen). Da Anki keine Karteikarten mitliefert, ist der Nutzer
zu Beginn darauf angewiesen, von anderen zur Verfügung
gestellte Stapel herunterzuladen[8] oder Karteikarten selbst zu erstellen. Letzteres ist
mithilfe des Hinzufügen-Fensters möglich: 3. Hinzufügen von Karteikarten Nach einem Klick auf Hinzufügen werden die
Karteikarten generiert und dem Benutzer bei der nächsten
Wiederholungssitzung präsentiert. Der wichtigste Teil der Arbeit mit Anki besteht in der
Wiederholung von Karteikarten. Nach einem Klick auf einen der
verschiedenen Stapel (s. Abb. 1) bekommt der Nutzer die auf den
Karten enthaltenen Fragen nacheinander präsentiert und wird
aufgefordert, sich jeweils die Antwort dazu zu überlegen. Durch
diese aktive Beschäftigung mit dem Lernstoff wird der testing
effect ausgenutzt: Ein Klick auf „Antwort anzeigen" enthüllt,
welche Antwort die richtige gewesen wäre: Nun muss der Nutzer bewerten, ob sein
Lösungsvorschlag richtig war und wie leicht ihm die
Beantwortung der Frage gefallen ist. Aus diesen Angaben berechnet
Anki, wann die Karte das nächste Mal wiederholt werden
sollte.[9] Vergessenes
und schweres Wissen wird früher abgefragt, leichtes Wissen
später. Wählt der Benutzer die Schaltfläche
„Nochmal", wird Anki ihn bereits in einer Minute wieder danach
fragen. Wählt er stattdessen die Schaltfläche
„Einfach", legt Anki ihm die Karte erst in vier Tagen wieder
vor. Er muss die Frage jeweils erneut beantworten und angeben, wie
gut er dieses Wissen bereits beherrscht. Bei der zweiten
Wiederholung nach vier Tagen stehen dann allerdings folgende
Intervalle zur Auswahl: Ein Klick auf „Gut" führt dazu, dass Anki die
Karte dem Nutzer erst sieben Tage später wieder vorlegt –
abermals mit größeren Intervallen: Im Regelfall wachsen die Intervalle exponentiell. Das
nachfolgende Diagramm veranschaulicht dies:[10] Aus den Angaben des Nutzers berechnen Spaced Repetition
Programme, wann dieser eine Information wieder vergisst.[11] Sie nutzen dieses
Wissen, um Wiederholungen entsprechend des spacing effects möglich weit voneinander zu separieren. Erst unmittelbar bevor
die Erinnerungswahrscheinlichkeit zu stark (hier unter ca. 90%)
absinkt, wird die Information wiederholt.[12] Durch diese späten Wiederholungen
wird die Erinnerung immer tiefer im Gedächtnis verankert. Die
Vergessenskurve nimmt immer seichter ab.[13] So bleibt das Gelernte mit dem
geringstmöglichen Aufwand dauerhaft im Gedächtnis. 5. Traditionelle und moderne Spaced Repetition Systeme Die Funktionsweise dieser Spaced Repetition Programme
erinnert an Sebastian Leitners Lernkartei[14]. Beide Konzepte haben gemeinsam, dass sie
den spacing und testing effect ausnutzen, um Wissen länger zu
behalten. Spaced Repetition Programme wie Anki stellen jedoch eine
Weiterentwicklung gegenüber dem Leitnerschen Ansatz dar.
Erstere werden deshalb nachfolgend als moderne, letztere als
traditionelle Spaced Repetition Systeme bezeichnet. Unterschiede
bestehen in den folgenden Bereichen: Spaced Repetition System (Physischer) Karteikasten, Programme Leitnersche Lernkartei, BRAINYOO [15], CoboCards [16], Pauker [17], Repetico [18] Leitner 1.Wie oft hintereinander konnte der Nutzer diese Frage richtig beantworten? Falsch, richtig Fest (exponentiell wachsend) Fünf (Karten, die im letzten Fach der Lernkartei angekommen sind, werden nicht mehr wiederholt.) Moderne Spaced Repetition Programme wie Anki sind im
juristischen Bereich bisher nahezu unbekannt und kaum verbreitet.[27] Dabei weisen diese
gegenüber gewöhnlichen Lernmethoden (wie dem mehrmaligen
Lesen, dem Verfassen eigener Skripten oder auch Varianten der
Leitnerschen Lernkartei) eine Reihe von Vorteilen auf: Zunächst einmal muss sich der Nutzer von Spaced Repetition Software nicht mehr darum sorgen, ob er das Gelernte bis zur Klausur wieder vergisst. Durch die regelmäßigen Wiederholungen wird ihm der Stoff im entscheidenden Moment mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Verfügung stehen. Dies gibt Sicherheit und hilft dabei, stressbedingten Aussetzern vorzubeugen. Während beim selbstorganisierten Lernen immer die Gefahr besteht, dass der Lernende bewusst oder unbewusst bestimmte Themengebiete vernachlässigt, zwingen Spaced Repetition Programme dazu, sich mit dem gesamten Stoff zu beschäftigen. Durch die Konzentration auf Informationen, die noch nicht sicher beherrscht werden, werden Wissenslücken automatisch geschlossen. Die Lernzeit wird durch die Verwendung von Spaced Repetition Programmen optimal genutzt. Wiederholt wird nur das, was der Benutzer noch nicht, nicht mehr weiß oder wieder vergessen würde. Er verliert keine Zeit mit der Wiederholung von Stoff, in dem er bereits sehr sicher ist. Verglichen mit Karteikästen und Karteikartenprogrammen, die Inhalte nach dem Leitner-Algorithmus wiederholen, können moderne Spaced Repetition Programme besser einschätzen, welches Wissen bereits wiederholt werden muss und welches noch sicher beherrscht wird. Während der Leitner-Algorithmus die nächste Wiederholung nur danach plant, ob der Benutzer dazu in der Lage war, die Frage richtig zu beantworten (zwei Antwortmöglichkeiten: ja/nein), berücksichtigen Anki etc. auch, wie leicht es dem Nutzer gefallen ist, die richtige Antwort zu geben (vier Antwortmöglichkeiten: falsch/schwer/gut/sehr leicht). Dadurch sind genauere Vorhersagen hinsichtlich des Vergessenszeitpunkts möglich. Fragen, die der Nutzer nur schwer richtig beantworten kann, werden beim nächsten Mal früher gestellt, einfache erst später. So verbringt der Nutzer weniger Zeit mit Informationen, die er bereits sicher beherrscht (weil diese seltener abgefragt werden) und vergisst schwierigeres Wissen seltener (weil dieses häufiger wiederholt wird). Der Leitnersche Ansatz leidet zudem an dem Mangel, dass Karteikarten maximal fünfmal wiederholt werden. Dies liegt nicht etwa daran, dass Wissen nach fünfmaliger Wiederholung nun dauerhaft behalten würde, sondern ist schlicht dem Umstand geschuldet, dass physische Karteikästen nicht beliebig groß sein können.[28] Dies ist ein erheblicher Nachteil für all diejenigen, die – wie Jurastudierende – Wissen über längere Zeiträume (mitunter mehrere Jahre) behalten möchten. Die meisten elektronischen Karteikartenprogramme übernehmen grundlos diesen Fehler.[29] Gegenüber physischen Karteikarten haben Programme
wie Anki schließlich den Vorteil, dass sie dem Benutzer den
größten Teil der Verwaltungsarbeit abnehmen. Selbst
effiziente Karteikastensysteme wie die Leitnersche Lernkartei
verlangen vom Nutzer, dass dieser die verschiedenen Karteikarten
selbstständig ein- und umsortiert. Ab einer bestimmten Anzahl
an Karteikarten – die in unserem Studienfach zwangsweise
überschritten wird – sind sie schlicht überlastet.
Der Lernende wird die Karteikarten deshalb oft nicht wiederholen,
wenn dies nötig wäre, und kann folglich nicht mehr sicher
sein, ob er das Gelernte auch behält. Digitale
Karteikarten können zudem gleichzeitig nach Zusammenhang (durch
das Einsortieren in Stapel und die Verwendung von Tags) und nach
Fälligkeit geordnet werden, während man sich bei
physischen Karteikarten stets entscheiden muss, ob diese nach dem
einen oder anderen Prinzip sortiert werden. Bei Spaced Repetition
Programmen ist der gesamte Lernstoff der Volltextsuche
zugänglich. Fehler sind leicht korrigierbar und der eigene
Lernfortschritt kann durch Statistiken und Diagramme visualisiert
werden. Wer Spaced Repetition Programme im Jura-Studium einsetzt, wird jedoch auch mit einigen nicht zu unterschätzenden Schwierigkeiten konfrontiert.[30] Probleme ergeben sich insbesondere daraus, dass juristisches Wissen oft komplex ist, d.h. aus einer Vielzahl eng zusammenhängender Informationen besteht. Dies trifft offensichtlich auf Streitstände oder Prüfungsschemata zu, doch selbst einfache Rechtsfragen wie „Wie wirkt die Anfechtung?" enthalten mehrere Einzelinformationen, die gleichzeitig gewusst werden müssen: Zum einen muss die Frage selbst beantwortet werden („Nach einer Anfechtung ist eine Willenserklärung so zu behandeln, als wäre sie von Anfang an nichtig gewesen."), gleichzeitig sollte aber z.B. auch die Norm, aus der sich diese Antwort ergibt (§ 142 BGB), und die Stelle, an der dieses Wissen in der Klausur relevant ist (Anspruch entstanden/Wirksamer Vertragsschluss), bekannt sein. Menschen fällt es im Allgemeinen äußerst schwer, sich gleichzeitig eine Mehrzahl von Informationen zu merken.[31] Solches Listen-Wissen unterliegt einer erheblich schnelleren Vergessensrate als einzelne Informationen.[32] Natürlich ist dies keine Folge der Arbeit mit Spaced Repetition Programmen. Unser Unvermögen tritt dort aber besonders deutlich zu Tage: Während bei vielen traditionellen Lernmethoden gar nicht oder nur selten überprüft wird, ob die jeweiligen Informationen auch behalten wurden, wird der Benutzer von Spaced Repetition Programmen immer und immer wieder mit falsch oder unvollständig beantworteten Fragen konfrontiert. Gerade bei abstraktem Wissen wie längeren, verschachtelten Prüfungsschemata kann dies schnell zu großer Frustration führen. Die Entwickler von Spaced Repetition Programmen legen es dem Nutzer deshalb nahe, das sogenannte minimum information principle einzuhalten und Wissen immer so kleinteilig wie möglich abzufragen.[33] Anstatt sämtliche Informationen über einen Gegenstand auf einmal abzufragen, sollten die Einzelaspekte getrennt durchgegangen werden. Wer beispielsweise die Eigenschaften des Toten Meeres lernen möchte (Lage: Zwischen Israel und Jordanien, Höhe: 428m unter dem Meeresspiegel, Küstenlänge: 74km, Salzanteil: 30%), sollte nicht eine einzige Karteikarte mit der Frage „Welche Eigenschaften hat das Tote Meer?" anlegen, sondern mehrere spezifische Karteikarten, etwa: „Wo liegt das Tote Meer?", „In welcher Höhe befindet sich das Tote Meer?" „Wie lang ist die Küste des Toten Meeres?", „Wie hoch ist der Salzanteil im Toten Meer?". Durch diese Atomisierung von Wissen lassen sich dieselben Informationen wesentlich leichter behalten. Anders als reines Faktenwissen (wie die verschiedenen
Eigenschaften des Toten Meeres) ist juristisches Wissen aber eben
oft engmaschig miteinander verknüpft. Wer juristische
Informationsstrukturen wie Streitstände oder
Prüfungsschemata in einzelne Fragen aufspalten möchte,
steht deshalb vor einem Dilemma: Einerseits sind diese häufig
zu umfangreich, um sie mit nur einer einzigen Karteikarte
abzufragen. Andererseits ist es kaum möglich, das Wissen auf
mehrere Karten aufzuteilen, ohne die Teilinformationen aus dem
Zusammenhang zu reißen. In der Regel wird sich der Lernende
deshalb dazu entscheiden, (zu) viele Informationen mit einer
einzigen Karte abzufragen. Dieses Vorgehen hat gravierende
Nachteile. Zum einen dauert die Wiederholung dieser Karte dadurch
sehr lange, was – gerade in Anbetracht der täglichen
Wiederholungen – äußerst demotivierend wirkt. Zum
anderen kann es passieren, dass der Lernende zwar neun von zehn der
gefragten Informationen richtig erinnern konnte, eine aber eben
nicht. Konsequenterweise müsste er dann angeben, dass er die
gesamte Karte nicht richtig beantworten konnte. Tut er dies, wird
dieselbe Karte immer wieder abgefragt, obwohl 90% des verlangten
Wissens beherrscht werden. Gibt der Nutzer stattdessen an, dass er
die Frage richtig beantworten konnte, riskiert er, dass er die
vergessene Information auch in Zukunft nicht beherrscht, da diese
nicht so oft wiederholt wird, wie es erforderlich wäre. Die
Einhaltung des minimum information principles ist bei juristischem
Wissen aufgrund seiner inhaltlichen Vernetzung demzufolge oft
schwierig. 3. Die Jura-Vorlagen als Lösungsansatz Die vom Autor entwickelten Jura-Vorlagen bieten einen
Ausweg aus diesem Dilemma. Durch diese Erweiterung wird Anki –
als erstes und bisher einziges Spaced Repetition Programm –
speziell auf juristisches Wissen angepasst, indem Vorlagen für
die häufigsten juristischen Informationsstrukturen
bereitgestellt werden. Die Funktionsweise der Jura-Vorlagen wird
nachfolgend anhand der Modelle „Streitstand",
„Rechtsfrage" und „Prüfungsschema" demonstriert.[34] Die Vorlage Streitstand bietet zunächst eine
erweiterte Eingabemaske. Gefragt wird nicht mehr nur nach Vorder-
und Rückseite einer Karteikarte, sondern direkt nach den
einzelnen Elementen eines Meinungsstreits: Aus den eingegebenen Informationen generiert Anki bei
einem Klick auf „Hinzufügen" selbstständig mehrere
Karten. Aus den folgenden Eingaben… …werden etwa die folgenden beiden Karten
erstellt. Karte 1: Karte 2: Jeder Streitstand wird so in mehrere Teilfragen
untergliedert und dadurch beherrschbar gemacht. Füllt der
Nutzer (anders als im obigen Beispiel) alle Felder der Vorlage
aus, generiert Anki insgesamt fünf verschiedene Fragen:
Bei prominenten Streitständen, die einen eigenen Namen erhalten haben (Bsp: Erlaubnistatbestandsirrtum), werden auch noch die folgenden beiden Karten generiert:
Durch diese Vorgehensweise werden die Teilinformationen
eines Meinungsstreits stets im Zusammenhang dargestellt, aber
dennoch getrennt, in überschaubaren Portionen abgefragt.
Streitstände sind somit deutlich besser handhabbar. Selbst einfache juristische Fragen enthalten oft eine
Vielzahl von Informationen, die idealerweise einzeln abgefragt
werden sollten. Dem trägt die Vorlage „Rechtsfrage"
Rechnung, deren Funktionsweise hier am Beispiel der Anfechtung aufgezeigt werden soll: Ein Klick auf Hinzufügen generiert drei
Karteikarten. Karte 1: Karte 2: Karte 3: Auch Prüfungsschemata können mit der
entsprechenden Vorlage in kleinere Portionen aufgespalten und so
leichter gelernt werden: Hier wären nur die Oberpunkte (I. - IV.) zu nennen
gewesen (obwohl stets das gesamte Schema angezeigt wird). Die Unterpunkte zu dem II. Oberpunkt werden
anschließend getrennt abgefragt: Die Jura-Vorlagen lösen das Problem der Komplexität. Sie zerlegen juristisches Wissen in seine Bestandteile und fragen diese einzeln ab, stellen sie aber dennoch im Zusammenhang dar. Dieser Ansatz bietet enorme Vorteile gegenüber der Verwendung von nicht angepasster Spaced Repetition Software. Zudem lässt sich der Lernstoff dadurch wesentlich schneller in elektronische Karteikarten umwandeln, da der Benutzer nicht mehr immer wiederkehrende Fragen wie „Aus welcher Norm ergibt sich dies?", „Was spricht dafür/dagegen?" etc. eingeben muss. Schließlich haben die Jura-Vorlagen den Vorteil,
dass der Nutzer bereits bei der Eingabe dazu gezwungen wird, sich
intensiv mit dem Lernstoff auseinanderzusetzen und diesen
selbstständig zu strukturieren. Dies verhindert ein
gedankenloses Abschreiben und bewirkt unmittelbar einen
Lerneffekt. Schon im Ausgangszustand bieten moderne Spaced Repetition Programme Jura-Studierenden bisher nicht gekannte Vorteile. Gerade im Hinblick auf die lange Examensvorbereitung ist es beruhigend, dass das erworbene Wissen nicht mehr vergessen wird – bei gleichzeitiger Garantie, dass dafür nicht mehr Zeit aufgewandt wird, als unbedingt erforderlich. Die durch die Komplexität des juristischen Wissens ausgelösten Schwierigkeiten können mithilfe der Jura-Vorlagen des Autors überwunden werden. Der Nutzen dieser Programme ist für Jura-Studierende damit so groß, dass Spaced Repetition Software in Zukunft die Basis juristischen Lernens bilden sollte. Da sich ihr Einsatz gerade auf lange Sicht auszahlt, sollten Universitäten ihre Studierenden möglichst früh damit vertraut machen.[35] * Der Autor hat im Juli 2014 sein erstes juristisches Staatsexamen an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz abgelegt und ist seit November 2014 Rechtsreferendar am Kammergericht Berlin. Der Artikel beruht auf dem gleichnamigen Vortrag des Autors anlässlich des 22. Deutschen EDV-Gerichtstags 2013 in Saarbrücken, https://www.edvgt.de/pages/22.-deutscher-edv-gerichtstag/arbeitskreise-mit-praesentationen-und-protokollen.php. [1] http://www.thomaskahn.de/jura-vorlagen/. Die Jura-Vorlagen für Anki sind eine kostenlose Erweiterung für dieses beliebte Spaced Repetition Programm. Sie wurden von Thomas Kahn entwickelt und funktionieren mit jeder aktuellen Version von Anki. [2] http://ankisrs.net/. Anki ist das Werk Damien Elmes. Es stehen kostenlose Versionen für Windows, Mac OS, Linux und Android zu Verfügung. Lediglich die iOS-Version kostet 21,99 €. Alle Versionen sind miteinander synchronisierbar. [3] Die heutige Vergessenskurve ist eine Visualisierung des Satzes: „die Quotienten aus Behaltenem und Vergessenem verhielten sich umgekehrt wie die Logarithmen der [verstrichenen] Zeiten." Vgl. Ebbinghaus, Über das Gedächtnis: Untersuchungen zur experimentellen Psychologie (1885), S. 107. Umstritten ist, ob tatsächlich alles Erlernte mit der Zeit wieder vergessen wird, oder ob wenigstens ein kleiner Teil der Erinnerungen dauerhaft erhalten bleibt (so schon Ebbinghaus, a.a.O., S. 103 f. (§ 29, Punkt 1), oder Bahrick, Semantic memory content in permastore: fifty years of memory for Spanish learned in school in Journal of Experimental Psychology: General, Vol. 113 (1984), S. 1-29, Zusammenfassung abrufbar unter http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/6242406; Kritisch hingegen Wozniak, Memory and Learning: Myths and Facts (August 2013), http://www.supermemo.com/articles/myths.htm, „Myth: It is possible to produce everlasting memories."). Da jedoch sicher ist, dass zumindest die allermeisten Informationen früher oder später wieder vergessen werden, kann diese Unklarheit bei der praktischen Beschäftigung mit diesem Thema außer Acht gelassen werden. [4] Erstmals beschrieben wurde der spacing effect von Ebbinghaus: „Macht man hier der Unsicherheit der nur auf wenige Versuche basierten Zahlen selbst die größten Konzessionen, so bleibt ihre Differenz immer noch erheblich genug. Sie macht die Annahme wahrscheinlich, dass bei einer größeren Anzahl von Wiederholungen eine angemessene Verteilung derselben über einen gewissen Zeitraum bedeutend vorteilhafter ist als ihre Kumulierung auf eine bestimmte Zeit." (Über das Gedächtnis, S. 122). Eine Übersicht gibt Pavlik in Pashler, Encyclopedia of the Mind (2013), Kapitel: Spacing Effect, http://dx.doi.org/10.4135/9781452257044. Zahlreiche weitere Studien und Artikel finden sich auf http://www.gwern.net/Spaced%20repetition#distributed. [5] Diese Erkenntnis wird nach ihrem Entdecker Adolf Jost als „Jost's first Law" bezeichnet. Vgl. Jost, Die Assoziierungsfähigkeit in ihrer Abhängigkeit von der Verteilung der Wiederholungen in Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, 16 (1897), S. 436-472. [6] Die erste empirische Studie zum testing effect wurde 1917 von Gates veröffentlicht, vgl. Gates, Recitation as a factor in memorizing (1917). Erwähnt wird das Phänomen aber bereits wesentlich früher, etwa 1620 von Roger Bacon: „Thus, if you read anything over twenty times, you will not learn it by heart so easily as if you were to read it only ten, trying to repeat it between whiles, and when memory failed, looking at the book." (The New Organon, Aphorisms – Book 2, Kap. XXVI). Eine kurze Beschreibung des Phänomens findet sich bei Roediger/Butler in Pashler, H., Encyclopedia of the Mind, Kapitel: Retrieval Practice (Testing) Effect, http://dx.doi.org/10.4135/9781452257044 bzw. http://psych.wustl.edu/memory/Roddy%20article%20PDF's/Roediger%20&%20Butler%20Encyclopedia%20of%20the%20Mind%20(2013).pdf. Eine umfassende Sammlung weiterführender Literatur findet sich auf http://www.gwern.net/Spaced%20repetition#background-testing-works. [7] Mit Anki vergleichbare Spaced Repetition Programme sind insbesondere SuperMemo (www.supermemo.com) und Mnemosyne (http://mnemosyne-proj.org/). Eine ausführliche Abwägung aller Vor- und Nachteile kann an dieser Stelle aus Platzgründen nicht erfolgen. Für Anki spricht insbesondere, dass es trotz seines enormen Funktionsumfangs leicht zu bedienen ist, und auf allen verbreiteten Betriebssystemen (Windows, Linux, Mac OS, Android, iOS) genutzt werden kann. Nutzt man Anki auf mehreren Computern oder Smartphones, lässt sich der Lernfortschritt problemlos via Internet synchronisieren. Anki ist zudem quelloffen und kostenlos. Es wird ständig weiterentwickelt und verfügt über eine große und aktive Nutzergemeinde. Schließlich war Anki das erste Spaced Repetition Programm, das es dem Nutzer ermöglichte, eigene Karteikartenvorlagen zu entwickeln. Aufgrund dieser Funktion konnte Anki (durch die Jura-Vorlagen) speziell auf juristisches Wissen angepasst werden (siehe dazu Abschnitt II.3. Die Jura-Vorlagen als Lösungsansatz). Aus diesen Gründen dürfte Anki zum jetzigen Zeitpunkt zumindest für Jura-Studierende das Mittel der Wahl sein. [8] Mit Ankiweb (https://ankiweb.net/) existiert eine Plattform, auf der Nutzer ihre selbsterstellten Stapel auch anderen zu Verfügung stellen können. Für den deutschsprachigen juristischen Bereich werden bisher jedoch keine Kartenstapel angeboten, so dass Jura-Studierende darauf angewiesen sind, den Lernstoff selbst in digitale Karteikarten umzuwandeln. Es sei an dieser Stelle bemerkt, dass die vom Autor entwickelten Jura-Vorlagen keine vorgefertigten Kartenstapel darstellen. [9] Zur Berechnung der Intervalle setzt Anki eine modifizierte Version des von Dr. Piotr Wozniak (dem Schöpfer von SuperMemo) entwickelten SM-2-Algorithmus ein, http://ankisrs.net/docs/manual.html#what-algorithm. Eine Beschreibung dieses Algorithmus findet sich bei Wozniak, Optimization of Learning (1990), 3.2 Application of a computer to improve the results obtained in working with the SuperMemo method, http://www.supermemo.com/english/ol/sm2.htm. [10] Das Diagramm dient lediglich dazu, das Konzept spaced repetition zu illustrieren. Die einzelnen Werte sind nicht die Ergebnisse einer bestimmten Studie. Als Vorbild diente die Grafik von Wolf, Want to Remember Everything You'll Ever Learn? Surrender to This Algorithm in Wired 16.05 (21.04.2008), http://archive.wired.com/medtech/health/magazine/16-05/ff_wozniak?currentPage=all. [11] Siehe Fn. 9. [12] Zur Verdeutlichung der Funktionsweise moderner Spaced Repetition Programme und zu den Unterschieden zwischen verschiedenen Wiederholungsalgorithmen siehe auch diese Animation: https://www.youtube.com/watch?v=ai2K3qHpC7c. [13] Dieser Effekt ist als „Jost's second law" bzw. „Jost's law of forgetting" bekannt. Vgl. Jost, Die Assoziierungsfähigkeit in ihrer Abhängigkeit von der Verteilung der Wiederholungen in Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, 16 (1897), S. 436-472. [14] Vgl. Leitner, So lernt man lernen. Der Weg zum Erfolg (1972/2011). [17] http://pauker.sourceforge.net. [19] http://ankisrs.net/. Zu den Unterschieden zwischen Anki, Mnemosyne und SuperMemo siehe Fn. 7, 9 und 23. [20] http://mnemosyne-proj.org. [22] Bzgl. Anki siehe Fn. 9. Bzgl. Mnemosyne siehe http://mnemosyne-proj.org/principles.php. [23] http://www.supermemo.com/help/smalg.htm. Ob spätere Versionen des SM-Algorithmus ihren Vorgängern überlegen sind, ist umstritten. Siehe dazu die Ansicht Damien Elmes (dem Entwickler von Anki) hier: http://ankisrs.net/docs/manual.html#what-spaced-repetition-algorithm-does-anki-use, sowie die Antwort des Entwicklerteams von SuperMemo hier: http://wiki.supermemo.org/index.php?title=SuperMemo_or_Anki. [24] Vgl. Fn. 14. Die entsprechende Grafik wurde von User Zirguezi erstellt (Lizenz: CC0), siehe http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leitner_system_alternative_no_text.svg. [25] Siehe dazu bereits Fn. 9. [26] Vgl. http://wiki.supermemo.org/index.php?title=SuperMemo_or_Anki: „SM3+ use your performance on a card to determine the next time to schedule that card, and similar cards". [27] Dies gilt für den juristischen Bereich zumindest bis zur Veröffentlichung der Jura-Vorlagen im Dezember 2012. In anderen Bereichen hat moderne Spaced Repetition Software eine gewisse Popularität erlangt, etwa als Mittel zum Erlernen von Fremdsprachen. Zu diesem Zweck empfehlen etwa die University of Cambridge (http://www.langcen.cam.ac.uk/opencourseware/cb/chinese_basic.html), die Salem State University (http://lrc.salemstate.edu/vocab/anki.htm) und die EB Zürich (http://www.eb-zuerich.ch/kursprogramm/angebot-nach-thema/softwareentwicklung-it-infrastruktur/datenbanken/spielend-lernen-mit-anki-der-digitalen-lernkartei.html) den Einsatz von Anki. Auch Medizinstudenten nutzen das Programm, um der Stofffülle ihres Fachs Herr zu werden (http://drwillbe.blogspot.de/2011/08/anki-guide-for-medical-students.html). Daneben finden sich aber auch exotischere Anwendungsbeispiele. So gaben bereits zwei Rekordhalter der Quiz-Show „Jeopardy!" an, dass sie dafür relevante Wissensgebiete mithilfe von Anki vorbereitet hatten. Roger Craig erzielte so 2010 den bisher höchsten Tagesgewinn von rund $77.000 und gehört bis heute zu den erfolgreichsten Teilnehmern dieser Show: http://en.wikipedia.org/wiki/Roger_Craig_(Jeopardy!_contestant). Eine Erläuterung seiner Methode findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=jmld3pcKYYA. Auch der nach der Gesamtbewertung viertbeste Teilnehmer Arthur Chu benutzte Anki, um bestimmte Wissensgebiete aufzubereiten: http://mentalfloss.com/article/54853/our-interview-jeopardy-champion-arthur-chu. [28] Vgl. http://foolsworkshop.com/reviews/issues#cookie. Sebastian Leitner ist insofern natürlich kein Vorwurf zu machen, da 1972, als er seine Lernkartei vorstellte, die allermeisten Menschen schlichtweg keinen Zugang zu Computern hatten und fünf Fächer für Stoff, der lediglich bis zur nächsten Klassenarbeit behalten werden soll, ohne weiteres ausreichen. [29] Etwa alle oben in der Tabelle als Beispiele für traditionelle Spaced Repetition Programme genannten. [30] Diese Einführung kann nicht sämtliche Schwierigkeiten, die beim Einsatz von Spaced Repetition Programmen im Jura-Studium entstehen, umfassend darstellen. Neben den genannten besteht ein weiteres Hindernis z.B. darin, dass der Nutzer stärker selektieren muss, welches Wissen so wichtig ist, dass er es auf digitale Karteikarten überträgt (und deshalb dauerhaft wiederholt). Gibt er zu viele Details ein, wird er schnell von den in der Folgezeit anfallenden Wiederholungen erschlagen. Sowohl dieses als auch andere Probleme können aus Sicht des Autors jedoch durch die Schulung im Umgang mit Spaced Repetition Programmen und den Einsatz bestimmter Techniken überwunden werden. Siehe dazu auch Fn. 35. [31] Nach Miller erfasst das durchschnittliche Kurzzeitgedächtnis maximal sieben Elemente gleichzeitig. Die tatsächliche Informationsmenge kann erhöht werden, indem Einzelelemente zu einer sinnvollen Einheit (z.B. einzelne Buchstaben zu einem Wort) zusammengefasst werden (sog. chunking). Die Anzahl gleichzeitig erfasster Elemente bleibt dabei jedoch konstant. Vgl. Miller, The Magical Number Seven, Plus or Minus Two: Some Limits on Our Capacity for Processing Information in The Psychological Review, Vol. 63 (1956), S. 81-97, abrufbar unter http://psychclassics.yorku.ca/Miller/. [32] Je mehr Informationen auf einmal abgefragt werden, desto mehr können vergessen werden. Umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall zumindest bei einer der Einzelinformationen auch eintritt. [33] Vgl. Wozniak, Effective learning: Twenty rules of formulating knowledge (Februar 1999), http://www.supermemo.com/articles/20rules.htm, „4. Stick to the minimum information principle". Siehe auch „9. Avoid sets" und „10. Avoid enumerations". Nutzer von Spaced Repetition Software sind gut damit beraten, auch die übrigen Ratschläge Wozniaks beim Erstellen von Karteikarten zu beherzigen. [34] Daneben gibt es noch eine spezielle Vorlage für vergleichende Fragen sowie eine modifizierte Variante der von Anki mitgelieferten Vorlage „Lückentext". [35] Die juristische Fakultät der Freien Universität Berlin bietet im Wintersemester 2014/15 erstmals einen Kurs zum Einsatz von Spaced Repetition Software im Jura-Studium an, vgl. http://www.fu-berlin.de/sites/career/veranstaltungen/Fachbereiche/Rechtswissenschaft/Lerntechniken_Selbstorganisation_Recht.html. (online seit: 18.11.2014) |