Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Zielsetzung
2 Auswahl eines geeigneten Rechtsgebietes
2.1 Modellierung sicheren/unsicheren Wissens
2.2 Schwerpunkt externe Information
2.3 Abgrenzbarkeit des Rechtsgebietes
2.4 Komplexes Prüfungswissen kombiniert mit einfachen Dialogen
2.5 Zielgruppe
2.6 Zwischenergebnis und Vorbereitung der Programmierung
3 Auswahl der Software
4 Internetbasiertes Länderinformationssystem
5 Semantic Web
6 Zusammenfassung und Ergebnis
Im folgenden Beitrag wird ein Expertensystem zur Prüfung des
Anwendungsbereichs der urheberrechtlichen Abkommen RBÜ, RA, TRIPS, WCT
und WPPT vorgestellt (SaarCURA - Saarbrücker
Computerunterstützung zur Prüfung urheberrechtlicher
Abkommen). Das System wurde im Rahmen einer Doktorarbeit
entwickelt, die ich zu Beginn dieses Jahres am Institut für
Rechtsinformatik der Universität des Saarlandes abschließen konnte. Die Arbeit wurde mit dem Dieter Meurer
Förderpreis für Rechtsinformatik 2004 ausgezeichnet. Ziel der Arbeit
war es zu untersuchen, ob mit Hilfe der heute und in absehbarer
Zukunft zur Verfügung stehenden Technologien leistungsfähige
internet-basierte juristische Expertensysteme entwickelt werden
können.
Das Thema "Juristische Expertensysteme" (im Folgenden: JXPS)
beschäftigt seit fast dreißig Jahren eine kleine, interdisziplinär
denkende Gemeinde von Juristen und Computerfachleuten - der große
Durchbruch blieb der Expertensystemtechnik in der Juristerei jedoch
bis jetzt versagt. Deswegen ist es wichtig, die Schwachpunkte
bisheriger JXPS zu analysieren und diese entweder durch eine geeignet
gewählte Aufgabenstellung zu umgehen oder durch Einsatz neuer
Techniken zu beseitigen.
Die meisten bisher entwickelten Systeme hatten im Wesentlichen mit
einer Schwierigkeit zu kämpfen: Wenn die Kompetenz eines Systems über
triviale Anwendungen hinausgehen sollte, dann wurde der Umfang des
benötigten Wissens sehr groß und der Arbeitsaufwand zur Erstellung und
Pflege des Systems unzumutbar hoch. Noch keines der bisherigen Systeme
konnte allerdings in größerem Umfang die Möglichkeiten des WWW nutzen.
In den Möglichkeiten und Technologien des WWW sehe ich jedoch den
Schlüssel für eine neue Generation leistungsfähiger JXPS. Hierbei soll
es sich um hybride Systeme handeln: Sie sollen zum einen
Expertenwissen in einer eigenen Wissensbasis vorhalten und zum anderen
externe Informationsquellen im WWW in die Prüfung einbeziehen. Für den
Aufbau der Wissensbasis wurde die Expertensystem-Shell D3^ verwendet, eine Entwicklung des
Lehrstuhls für Künstliche Intelligenz und Angewandte Informatik
(Informatik VI) der Universität Würzburg. Informationsquellen
aus dem WWW werden einbezogen mit Hilfe der Techniken XML und XSL,
unter den Stichwort "semantic web" zeichnen sich weitere
vielversprechende Entwicklungen ab.
Im folgenden Beitrag möchte ich auf eine allgemeine Einführung in die
Expertensystemtechnik verzichten. Hierzu gibt es bereits eine Reihe
sehr anschaulicher Aufsätze, unter anderem in dieser Zeitschrift, ferner darf ich auf die entsprechenden
Kapitel meiner online veröffentlichten Dissertation verweisen. Statt dessen möchte ich den Schwerpunkt
auf praktische Aspekte legen: Die Vorarbeiten für die
Expertensystementwicklung sowie die Beschreibung des Systems SaarCURA
und seiner Entstehung.
Am Anfang jeder Expertensystementwicklung steht die Auswahl eines
Rechtsgebietes bzw. einer juristischen Fragestellung. Als ich mich mit
den unterschiedlich erfolgreichen Versuchen zur Entwicklung
juristischer Expertensysteme in der Vergangenheit beschäftigte,
schienen sich Kriterien für die Eignung eines Rechtsgebietes für die
computerunterstützte Prüfung abzuzeichnen. Die folgende Kriterienliste
ist sicher nicht vollständig, vielleicht auch nicht allgemeingültig.
Falls ein auserkorenes Rechtsgebiet ein Kriterium nicht erfüllt, kann
dies aber zumindest dazu anregen, mögliche Umsetzungsschwierigkeiten
frühzeitig zu durchdenken.
2.1 Modellierung sicheren/unsicheren Wissens
Um sicheres Wissen handelt es sich, wenn die juristische Prüfung in
Form von Entscheidungsbäumen aufgebaut ist und die Entscheidung an
jedem Knotenpunkt mit absoluter Sicherheit gefällt werden kann (im
einfachsten Fall handelt es sich um ja/nein-Entscheidungen). Bei
unsicherem Wissen kann es auf eine Frage (Knotenpunkt im
Entscheidungsbaum) mehrere richtige Antworten geben, bestenfalls kennt
man Eintrittswahrscheinlichkeiten für die einzelnen Antwortoptionen.
Expertensysteme können für beide Arten von Prüfungen eingesetzt
werden. Im Bereich unsicheren Wissens liegt wahrscheinlich der
Haupteinsatzbereich, manche Systemarchitekturen wie etwa Künstliche
Neuronale Netze sind speziell hierfür konzipiert. Wichtig ist: Bei der
Auswahl eines Rechtsgebietes sollte man sehr genau überlegen, ob man
ausschließlich sicheres oder auch unsicheres Wissen modellieren will.
Die Auswahl der Software und die Art der bei der Modellierung zu
bewältigenden Herausforderungen werden maßgeblich von dieser
Entscheidung abhängen.
Beim SaarCURA-Projekt habe ich mich für die ausschließliche
Modellierung sicheren Wissens entschieden. Der Grund lag im gewählten
Forschungsschwerpunkt: Ich wollte vor allem die Möglichkeiten einer
Einbettung eines JXPS ins WWW prüfen. Die Modellierung unsicheren
Wissens war ein Problemfeld, das ich hier nicht beackern wollte.
2.2 Schwerpunkt externe Information
Eine Computerunterstützung kann dort wertvolle Dienste leisten, wo
große Mengen an Informationen in die Prüfung einbezogen werden müssen.
Etwa eine Vielzahl von (unter Umständen ausländischen) Gesetzestexten,
Verwaltungsvorschriften oder - im Falle der urheberrechtlichen
Abkommen - Listen von Signatarstaaten, Ratifizierungszeitpunkten etc.
Die hier vorgeschlagenen hybriden Systeme sollen das immer
umfangreichere juristische Informationsangebot im WWW für
Expertensysteme nutzbar machen. Oder anders gesagt: Sie sollen es
durch den Einsatz von Expertensystemen für den Ratsuchenden nutzbar
machen. Das Kriterium trägt dieser Idee Rechnung.
2.3 Abgrenzbarkeit des Rechtsgebietes
Das Rechtsgebiet muss sich sinnvoll weitgehend von anderen
Rechtsgebieten isolieren lassen. Nur dann kann mit planbarem Aufwand
die Wissensbasis erstellt und die benötigten Informationen festgelegt
werden.
2.4 Komplexes Prüfungswissen kombiniert mit einfachen Dialogen
Bisherige juristische Expertensysteme stießen häufig dort an ihre
Grenzen, wo die Wissensbasis nicht klar abgegrenzt werden kann oder
die (sprachliche) Darstellung nicht ausreichend formalisiert werden
kann. Dies ist z.B. dann der Fall, wenn unbestimmtes Alltagswissen
oder fachunspezifisches (Welt-)Wissen zur Lösungsfindung unerlässlich
sind. Zur Klarstellung: Auch diese Aufgabenfelder können bearbeitet
werden. Man sollte sich bloß im Vorhinein darüber im Klaren sein, wo
bei der XPS-Entwicklung die Arbeitsschwerpunkte liegen sollen. Wie
schon bei der Modellierung unsicheren Wissens galt hier für mich:
Diese Klippen wollte ich umschiffen. Ich wählte daher ein
Rechtsgebiet, bei dem die Schwierigkeit in der großen Anzahl und der
komplexen Verknüpfung der Normvoraussetzungen lag. Dagegen sollte sich
der Sachverhalt in einem möglichst einfachen Dialog erfassen (z.B. mit
Multiple-Choice-Anwortmenüs) und unter die einzelnen Voraussetzungen
subsumieren lassen.
2.5 Zielgruppe
Für das zu erfassende Rechtsgebiet sollte es eine interessierte
Zielgruppe geben: den juristisch ausgebildeten, aber auf diesem Gebiet
nicht spezialisierten Nutzer. Das Kriterium spiegelt die Überzeugung
wider, dass sich ein laientaugliches Expertensystem von einem
Juristen-System unterscheiden muss. Das "Juristen-System" wird
einfacher zu entwickeln sein, da die Kenntnis vieler juristischer
Begriffe, Arbeitstechniken etc. vorausgesetzt werden kann.
2.6 Zwischenergebnis und Vorbereitung der Programmierung
Mit Hilfe der oben erläuterten Kriterien wurde folgende Aufgabe für
geeignet befunden: Die Prüfung, ob der Anwendungsbereich der
urheberrechtlichen Abkommen RBÜ, RA, TRIPS, WCT und WPPT im Falle
einer potentiellen Verletzung von Urheberrechten oder dem Urheberrecht
verwandten Rechten eröffnet ist oder nicht.
Wie bereits gesagt, sollte sich die Prüfung entscheidungsbaumartig
darstellen lassen und die hierbei benötigten externen Informationen
(aus dem WWW) festgelegt werden. Es gelang, die gesamte Prüfung in 21
Prüfungsablaufdiagrammen darzustellen, von denen die komplizierteren
etwa folgendermaßen aussehen: