Im letzten AdVoice (3/00) gab es eine Werbebeilage für
Advopolis - "Die gerechte Chance für Rechtsanwälte[,] mehr
Mandate zu bekommen". Es handelt sich um die virtuelle Nachbildung eines Bürohauses
mit verschiedenen Beraterkanzleien im Internet, zugänglich unter
http://www.advopolis.de. Der Autor hat
ein gewisses Faible für künstliche Welten und hat sich das Angebot
einmal angeschaut.
Virtuelle Räume
Zunächst betritt der
Besucher ein "Foyer", wo er einem zumeist anwesenden
Empfangsmitarbeiter Fragen stellen kann, die dieser auch bereitwillig
beantwortet. Von diesem Foyer aus kann er einen der drei "Veranstaltungsräume"
betreten oder eine der zahlreichen "Kanzleien" aufsuchen. Eine solche "Kanzlei"
besteht aus einem "Vorzimmer" und einem "Beratungsraum". In
allen diesen Räumen wird dem Besucher angezeigt, welche "Personen"
sich dort aufhalten. Er hat drei Möglichkeiten, sich mit den anwesenden "Personen"
zu unterhalten bzw. zu chatten. Was man im öffentlichen Chat sagt, können
alle im Raum anwesenden Personen hören bzw. lesen. Man kann einzelnen
Personen etwas zuflüstern, d.h. der entsprechende Text wird nur dieser
Person angezeigt. Und man kann mit einer Person einen "privaten" Chat
eröffnen. Dann öffnet sich ein neues Fenster, das nur den beiden
Beteiligten sichtbar ist und in dem sie sich miteinander unterhalten können.
Zusätzlich hat jeder Raum Sonderfunktionen.
Im Beratungszimmer können sich maximal drei
Personen aufhalten. Der "Berater" kann den Raum jederzeit abschließen,
so daß niemand zusätzlich eintreten und das Beratungsgespräch stören
kann. Interessant ist die Möglichkeit des sog. Netmeeting. In einem Bereich
des Bildschirms befindet sich ein Eingabefeld, in welches jeder Beteiligte eine
URL (Internet-Adresse) eingeben kann. Daraufhin wird die betreffende Seite in
diesem Bildschirmbereich angezeigt und ist für alle Beratungsteilnehmer
sichtbar. So können sich die Teilnehmer gemeinsam Internet-Seiten ansehen
und sozusagen gemeinsam "surfen". Darüberhinaus besteht die Möglichkeit,
sich Videosequenzen anzusehen, die der Berater für seine Besucher bereithält.
Schließlich kann sich der Besucher auch die üblichen
Kontaktinformationen und vom Berater bereitgestellte Fachbeiträge anzeigen
lassen.
Das Vorzimmer hat eine interessante Eigenschaft: Wann
immer jemand das Vorzimmer betritt, ertönt an dem Rechner des Beraters ein
Klingelzeichen - wenn er denn "Online" ist. Im übrigen kann man
sich dort ebenfalls die bereitgestellten Kontaktinformationen, Fachbeiträge
und Videos ansehen.
Die drei Veranstaltungsräume bieten die Möglichkeit,
sich dort in größerer Zahl zu treffen und zu chatten oder vom
Veranstalter bereitgestellte Videos anzusehen.
Im Foyer gibt es außer dem Empfang noch ein recht
schlicht ausgestattetes Diskussionsforum ("Treffpunkt") und eine Art
News-Dienst ("Aktuelles") sowie einen Veranstaltungskalender.
Personalmanagement
Nicht uninteressant ist die Möglichkeit einem Berater mehrere
Mitarbeiter zuzuordnen. Advopolis- Mitglieder, die sich unter dem entsprechenden
Namen angemeldet haben, können dann das Informationsangebot der "Kanzlei"
eines bestimmten Beraters bearbeiten und hören es auch klingeln, wenn
jemand das Vorzimmer betritt. Es wäre somit denkbar, seine wirkliche Sekretärin
auch in der virtuellen Kanzlei das Vorzimmer besetzen und sie dort ihre übliche
Funktion ausüben zu lassen - vorausgesetzt, daß der wirklichen Sekretärin
eine solche virtuelle Welt vermittelbar ist.
Sicherheit
Jeder Besucher von Advopolis kann die
Gespräche, an denen er teilnimmt, mitschneiden, abspeichern und ausdrucken.
Advopolis versichert, alle nur denkbaren Sicherheitsvorkehrungen getroffen zu
haben, die Datenübertragung sei hochgradig verschlüsselt und "abhörsicher".
Andererseits zwingt bzw. verführt der Dienst seine Teilnehmer, die eigenen
Sicherheitsvorkehrungen, Firewall und Proxy-Server, mehr oder weniger zu umgehen
und seinen lokalen Rechner im Internet sichtbar zu machen. Das ist ungefähr
so, als wenn man IRL (im richtigen Leben) seine Haustür offenstehen läßt
- eine Einladung an jeden Interessierten, sich einmal umzusehen.
Die Oberfläche
Der Benutzer hat die Wahl
zwischen zwei- und dreidimensionaler Darstellung. In der 2D-Darstellung werden
die jeweiligen Räume durch statische Bilder ohne aktive Bereiche
dargestellt. Die Navigation erfolgt ausschließlich über Menüs
und Hyperlinks. Für die 3D-Darstellung ist eine besondere Software
erforderlich. Anwesende Personen werden durch sog. Avatare bildlich dargestellt.
Der Teilnehmer kann sich durch die Räume bewegen, durch Türen gehen,
sich auf Stühle setzen und durch Anklicken von Gegenständen oder
Personen (Avataren) bestimmte Funktionen aufrufen. Mit einer weiteren
Zusatzsoftware (Voice) kann man sich die Dialogtexte vorlesen lassen. Eine
weitere Zusatzsoftware (RealPlayer) ist erforderlich, um die bereitgestellten
Videos abzuspielen.
Sinn und Unsinn der virtuellen Kanzlei
Advopolis
verkündet vollmundig, dies sei die "Rechtsberatung der Zukunft".
Die Idee eines Systems verknüpfter Chat-Räume mit spezifischen
Sonderfunktionen und einer bestimmten thematischen Ausrichtung mag einen
gewissen Reiz für sich haben. Gruppen weit voneinander entfernter Personen
können sich dort treffen und miteinander chatten, ohne die sonst im
Internet allgemein zugänglichen öffentlichen Chats zu benutzen.
Interessant erscheint auch die Möglichkeit, über Netmeeting gemeinsam
Internetseiten abzurufen. Für ein ernsthaftes Beratungsgespräch ist
der Chat aber die denkbar ineffizienteste Form. Jedes Telefongespräch -
auch in den entferntesten Winkel der Welt - ist sehr viel effektiver. Solange
keine Echtzeitübertragung von Bild- und Tondaten möglich ist und keine
echte Videokonferenz veranstaltet werden kann, erscheinen die Video- und
Voicefunktionen - wie die 3D-Darstellung stereotyper Räume und Avatare
ohnehin - als blanker "Schnick-Schnack". Das Verhältnis vom
technischen Aufwand zum erzielten Ergebnis enttäuscht. Dass in derartigen
virtuellen Räumen tatsächlich ernsthafte Rechtsberatung stattfinde,
hat der Autor noch nicht erlebt und kann es sich auch nicht recht vorstellen. Er
ließe sich aber gern eines besseren belehren. Was die Präsentation im
Internet betrifft, so scheint doch jede herkömmliche Homepage mehr Möglichkeiten
zu bieten als diese verspielte 3D-Welt. Ein System verknüpfter Chat-Räume
mit starker Verschlüsselung und passenden Zusatzfunktionen könnte
vielleicht eine gute Ergänzung dazu sein. Es würde aber mehr Sinn
machen und wäre wohl auch leistungsfähiger, wenn man den ganzen
Multimedia-Schnick-Schnack einfach wegließe und ihm eine schlichte
HTML-Oberfläche verpaßte.
* Georg Pfeiffer ist als
Rechtsanwalt in Berlin tätig. Seine Interessengebiete sind Verwaltungsrecht
und Online-Recht. Homepage: http://www.praetor.de.
E-Mail: gp@praetor.de.