Das BSCW System
(Basic Support for Cooperativ Work) ist von der GMD -
Forschungszentrum Informationstechnik GmbH entwickelt worden. Es bietet über
eine WWW-Benutzerschnittstelle eine Kooperationsanwendung an, die ein
leicht zu bedienendes User Interface besitzt. Durch die Anbindung in das
WWW ist es möglich, unabhängig von Betriebsystemen auf das System
zuzugreifen und so ist es beispielsweise für Organisationen oder
Arbeitsgruppen leicht, es in bestehende Kommunikationsstrukturen zu integrieren.
BSCW ist ein System, das die Zusammenarbeit von Gruppen oder
Einzelpersonen über das WWW ermöglicht. Die Benutzer können
mit üblichen WWW Browsern darauf zugreifen und befinden sich dann in einem
gemeinsamen elektronischen Arbeitsbereich (shared workspace), in dem sie
ihre kooperativen Aktivitäten durchführen.
Innerhalb des
Arbeitsbereichs ist ein gemeinsamer Zugriff auf Dokumente, Grafiken oder
Nachrichten möglich, die jeder Benutzer dort laden kann. Das System bietet
Metainformationen über Ereignisse und Vorgänge in einem Workspace, die
Mitarbeiter über die Aktionen der anderen Partner informiert. Darüber
hinaus enthält es Funktionen für spezielle Anwendungen wie etwa
synchrone Audio-Video-Kommunikation.
Die Benutzeroberfläche ist so strukturiert, daß sie
an Dateisysteme, so wie sie bei Mac und Windows organisiert sind, erinnert. Es
wird also zwischen Verzeichnissen bzw. Ordnern und den sie enthaltenen
Beiträgen (Dokumenten) unterschieden. Auf jeder Ebene lassen sich
beliebig viele Ordner und Unterverzeichnisse erstellen. Jeder dieser Ordner
bildet einen gemeinsamen Arbeitsbereich einer spezifischen Gruppe von
Benutzern. Eine Benutzergruppe kann natürlich auch mehrere Ordner anlegen
und auf die Objekte darin zugreifen.
So gesehen ist der einzelne
Arbeitsbereich eines jeden Benutzers sein Hauptordner und diejenigen
Arbeitsbereiche, die er mit anderen Benutzern teilt, stellen sich als
untergeordneten Verzeichnisse dar. Die Ordner/Arbeitsbereiche werden von BSCW im
Mittelteil einer Seite dargestellt. Sie werden von Texten und Icons als Schaltflächen
im Kopf- und Fußteil eingebettet.
Am oberen Bereich des Bildschirms
wird ein Hypertextpfad angezeigt, aus dem hervorgeht, wie man zu der gerade
angezeigten Ebene gelangt ist. Das ermöglicht ein komfortables Navigieren
innerhalb der verschiedenen Ordner.
Die Seite
http://bscw.gmd.de/bscw_help/german/sec-14.html#Abbildung
1.4-1
zeigt eine Ordner-Übersicht mit exemplarischen Informationsobjekten.
Sowohl die Ordner als auch die darin enthaltenen Dokumente werden als
Informationsobjekte bezeichnet. Sie werden in sieben verschiedene Objektklassen
eingeteilt:
- Ordner
- URL (Link)
- Dokument
- Dokument unter Versionsverwaltung
- WWW Suche
- Notiz mit Antworten (Diskussion)
- Treffen
Die Objektklasse wird durch ein Icon direkt vor dem Namen der
Objekte repräsentiert, so ist eine einfache Orientierung über
Symbole gegeben. Je nach Klasse sind unterschiedliche Aktionen mit den
Informationsobjekten möglich, die in sogenannten Aktionszeilen unter den
Objektnamen angezeigt werden. Es werden natürlich nur die Aktionen
angezeigt, die bei dem entsprechenden Objekt möglich sind, beispielsweise
die Operation Prüfen" bei einem Link Objekt oder Antworten"
bei einer Nachricht. Je nach Kontext verändern sich also die zur Verfügung
stehenden Befehle, dadurch wirkt die Oberfläche insgesamt sehr überschaubar.
Rechts
neben den Objekten befinden sich Icons, die auf bestimmte Ereignisse, die das
Objekt betreffen, hinweisen. Diese Metainformationen zeigen beispielsweise an,
ob jemand das Objekt gelesen oder verändert hat.
Im Fußteil
der Ordnerübersicht sind vier weitere Objekte als Icons dargestellt, die
nur für den jeweiligen Benutzer zugänglich sind und in jedem
Arbeitsbereich zur Verfügung stehen. Es sind dies ein Terminkalender,
das Adreßbuch, der Koffer - der die Zwischenablage repräsentiert
- und der Papierkorb.
Darunter sind die Aktionszeilen, die es dem Benutzer
ermöglichen, persönliche Präferenzen zur Gestaltung der
Benutzerschnittstelle, der gewünschten Sprache oder der persönlichen
Daten einzustellen.
BSCW bietet die Möglichkeit, Dokumente unterschiedlichen
Formats und in verschiedenen Versionen zu verwalten. Das ist die
eigentliche Kernfunktion des Systems. Textdokumente, Tabellen,
Grafiken, Verweise auf WWW-Seiten oder Nachrichten können Inhalt des
Arbeitsbereichs sein und vom eigenen PC zum BSCW Server und damit in den
Arbeitsbereich - geladen oder vom Arbeitsbereich auf den eigenen PC übertragen
werden. Dort können Dokumente dann gelesen oder verändert werden.
Dabei ist es durch die Versionsverwaltung möglich, das Quelldokument"
unversehrt zu lassen, eine neue Version desselben Dokuments zu erstellen und
anderen Benutzern den Vergleich der Versionen zu ermöglichen.
Schon
der Zugriff auf die Arbeitsbereiche mittels WWW-Browser weist auf die Unabhängigkeit
von Betriebsystemen hin. Die weitreichende Möglichkeit insbesondere Texte
unterschiedlicher Anwendungsprogramme auf dem BSCW System zu konvertieren,
ermöglicht so auch auf der Ebene der Dokumenterstellung und verarbeitung
weitreichende Unabhängigkeit. Ein Benutzer kann so ein mit MS Word
erstelltes Dokument zum Beispiel in das Format für WordPerfect
konvertieren, dann bearbeiten und danach wieder für denjenigen der mit MS
Word arbeitet in das MS Word Format ändern.
Bei jeder Konvertierung
ist mit Informationsverlusten zu rechnen, zum Beispiel können sich
Formate oder Kapitelnumerierungen verändern. Das BSCW System gibt an, mit
welchen Veränderungen zu rechnen ist, so daß der Benutzer sich
informieren kann, um die für ihn günstigste Konvertierung auszuwählen.
Weiterhin
gibt es die Möglichkeit zur Kompression von Dokumenten, so daß
die Übertragungszeiten beim Transferieren der Dokumente vom Arbeitsbereich
reduziert werden. Es können aber nicht nur einzelne Dokumente, sondern
ganze Verzeichnisse durch Kompression archiviert werden. Damit lassen sich
hierarchische Strukturen erhalten und müssen nicht auf dem lokalen Rechner
neu erstellt werden.
Zum Übertragen der Dokumente vom eigenen PC auf
den BSCW Server kann ein WWW Browser verwandt werden oder ein sogenannter
BSCW-Helper, der auf den BSCW Webseiten zur Verfügung gestellt wird.
Die
Funktion Papierkorb bietet wie bei Windows 95 oder Mac die Möglichkeit,
aus ihrem Kontext gelöschte Beiträge wiederherzustellen.
Darüber
hinaus bietet das System einen Aktenkoffer, in den Beiträge verschoben
oder kopiert werden können, um sie in einen anderen Ordner oder auf den
eigenen PC zu übertragen.
Wie oben schon erwähnt, registriert das System, wenn
bestimmte Zugriffe von Mitgliedern auf den Arbeitsbereich erfolgen. Wird ein
Objekt gelesen, ein neues Objekt abgelegt, eine neue Version eines bestehenden
Objektes erzeugt, eine Nachricht geschrieben oder ein Objekt umbenannt, werden
Benutzer, die den Arbeitsbereich nach diesen Ereignissen betreten, darüber
informiert. So kennen immer alle Mitglieder der Arbeitsgruppe die
jeweiligen Aktivitäten der anderen. Damit entfallen Rückfragen und
Unsicherheiten wegen des Kenntnisstandes und erleichtern die Zusammenarbeit der
Gruppe. Diese Metainformationen können aber auch als Kontrollfunktion
dienen.
Angezeigt werden sie über kleine Icons rechts neben den
betroffenen Objekten. Der Ordner, der diese Objekte enthält, ist mit einer
offenen Hand gekennzeichnet. Ein Klick auf diese Hand führt zu einer Seite,
auf der alle geänderten Dokumente aufgelistet sind. Dort ist hinter jedem
Dokument vermerkt, was für ein Ereignis von welchem Mitglied ausgeführt
wurde. Durch Anklicken des Buttons Bestätigen" zeigt ein
Benutzer, daß er alle Ereignisse zur Kenntnis genommen hat. Sie
werden dann nicht mehr angezeigt.
Eine weitere Möglichkeit diese
Informationen zu beziehen, bietet ein täglicher Bericht, der nach
Anforderung automatisch vom System per E-Mail versandt wird. Der
Arbeitsbereichsbericht bietet so auf einfache Weise einen Überblick über
die Geschehnisse in den Arbeitsbereichen. Der Bericht wird nachts
fertiggestellt. Er sammelt die Ereignisse nach Arbeitsbereichen sortiert
und die Benutzer werden informiert, ohne daß sie sich in den BSCW Server
einloggen müssen. Dieser Bericht enthält nur" die
Metainformationen, die, wenn man sich für den Empfang von HTML-Nachrichten
entschieden hat, direkt in den jeweiligen Arbeitsbereich des BSCW Servers
verlinkt sind, so daß neue Nachrichten oder Dokumente per Mausklick über
den Browser eingesehen werden können.
Mitglieder können unterschiedliche Zugriffsrechte auf die
Objekte des Arbeitsbereichs haben. Der Erzeuger und damit der Eigentümer"
eines Dokuments oder eines Ordners kann festlegen, ob bestimmte Mitglieder das
Dokument ändern, nur lesen dürfen oder gar keinen Zugriff darauf
haben.
Jedes Mitglied kann neue Mitglieder einladen, wenn es dazu berechtigt
ist.
Ebenfalls kann jeder Benutzer seine E-Mail-Adresse, Telefonnummer oder
andere personenbezogene Daten eingeben und sie so anderen zur Verfügung
stellen. Sie sind dann über das Icon Adreßbuch" in der Fußleiste
zu erreichen.
BSCW bietet die Möglichkeit, für die Mitglieder einer
Arbeitsgruppe Treffen zu organisieren, vorzubereiten und zu unterstützen.
Es kann sich dabei um reale", also traditionelle oder virtuelle",
also netzbasierte Treffen handeln.
Letzteres setzt allerdings spezielle
Hard- und Software bei den Beteiligten voraus, beispielsweise eine Videoausrüstung
und/oder Conferencing-Anwendungen. Es werden verschiedene dieser
Anwendungen unterstützt u.a. Microsoft Netmeeting und Netscape
Conference.
Möchte ein Mitglied einer Arbeitsgruppe andere Benutzer zu
einem Treffen einladen, macht er auf einer dafür vorgesehenen Seite, die über
das Icon Treffen" zu erreichen ist, Eintragungen über Zeit
und Ort - bei virtuellen Treffen gehören noch Angaben über die
Conferencing Anwendung und die IP-Adresse dazu - und BSCW leitet den
Terminvorschlag an die Mitglieder weiter und überwacht die Rückmeldungen.
Zu
den vorhandenen Ordnern ist nun vom System ein Treffen"-Ordner
hinzugefügt worden. Dieser Ordner bietet spezielle Aktionen, mit deren
Hilfe Einladungen angenommen, abgelehnt oder an Treffen erinnert werden
kann.
Bei einem virtuellen Treffen bietet BSCW nun die Möglichkeit, die
gewünschte Anwendung automatisch zu starten - indem der Teilnehmer im
Ordner Treffen" auf Teilnehmen" klickt - und mit den
richtigen Adressen zu verbinden, wenn die Konfigurationen der einzelnen dazu
benötigten Anwendungen stimmen. Die notwendigen Daten bezieht BSCW aus
der Datenbank des Adressverzeichnisses und der Angaben, die im Ordner Treffen"
gespeichert sind.
Es gibt die Möglichkeit sich die BSCW Software auf einem
eigenen Webserver zu installieren. Dadurch kann die Gestaltung
hinsichtlich Sicherheit, Administration, Zugangsregelung u.a. den
individuellen Bedürfnissen angepaßt werden.
Im nicht
kommerziellen Bereich ist die Nutzung kostenlos.
Bei der Nachrichtenvermittlung sind innerhalb des BSCW Systems
meist mehrere Schritte nötig, beispielsweise um sich einzuloggen, sich
durch die Ordner-Hierarchien zu bewegen und die gesuchte Nachricht zu
finden. Selbst wenn man sich vom BSCW System per Mail benachrichtigen läßt,
stellt das gegenüber Mailinglisten einen zusätzlichen Zwischenschritt
dar.
Inwieweit es wünschenswert ist, daß die Teilnehmenden
eines Projekts immer über die Aktivitäten oder gerade auch über
die ausgebliebenen Aktivitäten der Anderen hinsichtlich des definierten
Arbeitsbereiches informiert sind, erscheint fraglich.
BSCW ist ein komplexes
System, das eine Vielfalt an Funktionen zur Verfügung stellt, die
insbesondere die Kooperation von Arbeitsgruppen, deren Teilnehmer geographisch
verteilt sind und die möglicherweise unterschiedliche Hard- und Software
verwenden, sehr gut unterstützen. Eine der wichtigsten Funktionen ist die
eines zentralen Informationsspeichers, auf den mit jedem WWW Browser zugegriffen
werden kann.
* Rüdiger Fries studiert
im 5. Semester Informationswissenschaft, Sozialpsychologie und Rechtsinformatik
an der Universität des Saarlandes. Schwerpunkt seines Studiums ist die
Beschäftigung mit Online-Lehrangeboten und deren Moderation.