1. Einleitung
2. Das Jahr 2000-Problem
2.1. Beschreibung des Problems
2.2. Entstehung des Problems
2.3. Lösungsmöglichkeiten
2.4. Kosten
3. Hewlett-Packard Corp.
4. Die Lösung des J2P bei der Patient Monitoring
Division in Andover
4.1. Projektziele
4.2. Zeitplan des Projektes
4.3. Das Jahr 2000-Projektteam
4.4. Kosten und Arbeitsaufwand
5. Zusammenfassung
In der Fachliteratur sind bisher nur Beiträge erschienen,
die das J2P hinsichtlich der juristischen Problematik(1)betrachten oder die technischen Hintergründe des Problems beschreiben.
Dieser Bericht soll nunmehr ein Lösungsansatz des J2P anhand eines Geschäftsbereiches
der Hewlett-Packard Medical Products Group (MPG)(2),
der Patient Monitoring Division(3),
veranschaulichen und über Umfang, Art und Kosten der Tätigkeiten
informieren.
Eine US-amerikanische Redensart lautet: "Nur zwei Dinge
sind sicher: der Tod und die Steuern". Inzwischen kann man das Jahr 2000
dieser kurzen Liste hinzufügen.
Dieses Ereignis stellt die bedeutendste
Herausforderung dar, der die Informationstechnologie(IT)-Industrie je gegenüber
stand.
Wenn die Uhr zum 1. Januar 2000 Mitternacht schlägt,
werden viele Computer ihre interne Uhr auf 1900, auf 1980 oder einige auf 1983
zurücksetzen, je nach Alter der Echtzeit-Uhr und der Systemsoftware.(4)
Unabhängig von diesem Datum wird jedes
Informationsverarbeitungssystem beeinflußt, welches arithmetische
Berechnungen verarbeitet, die auf zweistelligen Jahreszahlen beruhen. Diese
Systeme unterstellen, daß der zweistelligen Jahreszahl immer "19"
vorangeht. Wenn Anwendungen jedoch beginnen das Jahr 2000 als 1900 zu deuten,
kann diese Annahme zu falschen Ergebnissen oder kollabierenden Systemen führen.
Darüber hinaus ist das Jahr 2000 ein Schaltjahr.(5) Da nur das erste Jahr jedes vierten
Jahrhunderts ein Schaltjahr ist, wurden viele Anwendungen programmiert, ohne daß
diese Tatsache Berücksichtigung fand. Dies kann ebenfalls eine Fehlerquelle
darstellen.
Das erste kritische Datum ist aber bereits der 9. September
1999. In der Vergangenheit war der 9.9.99 ein allgemein gebräuchlicher
Standardwert für Verfalldaten in nicht absehbarer Zukunft.(6) An diesem Tag werden alle Anwendungen, bei
denen dieser Standardwert eingesetzt wurde, ablaufen.
Das J2P nahm schon in den frühen sechziger Jahren seinen
Lauf. RAM und externer Speicher waren kostspielig und Dateneingabe war
arbeitsintensiv. 1963 kostete Festplattenspeicher pro MB um die 10.600 US-$ von
1995.(7) Bei der Suche Speichermengen, Datenein-
und -ausgabe zu reduzieren, verwendeten die Fachleute nur zwei Stellen (YY) um
ein Jahr zu definieren. Je nach Industrie und Anwendung stellen drei bis sechs
Prozent der Daten in Datenbanken ein Datum dar.(8)Eine vierstellige Jahreszahl (CCYY) zu nutzen, hätte 33 Prozent mehr
Speicherplatz in Anspruch genommen.(9)
Das
J2P kann auch zum Teil auf die Geschwindigkeit der Technologieentwicklung zurückgeführt
werden. Viele Systementwickler hatten nicht erwartet, daß die selben
Anwendungen noch im Jahr 2000 in Gebrauch sein werden.(10)
Das J2P hat einen konkreten Stichtag, der sich nicht
verschieben läßt. Dieser Umstand bezeichnet de Jager sogar
als das "Jüngste Gericht".(11)Auch Begriffe wie "Apokalypse" oder "Zeitbombe" werden im
Zusammenhang mit dem J2P genannt.
Es gibt zwei grundlegende Strategien zur
Lösung des Problems:
Überarbeiten (Rework) oder Ersetzen (Replace)
der betroffenen Systeme oder Anwendungen.
Das Überarbeiten, welches wohl die gebräuchlichste
der Strategien ist, nutzt die Vorteile bereits bestehender Anwendungen und
Systeme. Hierfür sind jedoch kostspielige Programmierkenntnisse notwendig.(12)
Das Ersetzen von Anwendungen und
Systemen ist eine Strategie, welche die Geschäftstätigkeiten des
Unternehmens unterstützen kann. Sie umfaßt den Kauf oder den Aufbau
neuer Anwendungen und bietet die Möglichkeit diese an die aktuellen Belange
des Unternehmens anzupassen.
Beide Strategien schließen einander nicht aus. Es ist
sogar oft sinnvoll, die Strategien zu kombinieren.(13)
Nach Ansicht der Gartner Group belaufen sich die Kosten
der Lösung des J2P auf ungefähr 600 Milliarden US-$ weltweit.(14) Grundlage hierfür ist eine Schätzung
von 1996, die Kosten von einem US-$ pro Quellcode-Zeile annimmt. Noch 1993 hat
de Jager 0,35 0,40 US-$ pro Quellcode-Zeile angenommen.(15)
Eine aktuelle Studie von Mitredifferenziert die Kosten inzwischen und schätzt den Aufwand auf 1,02 bis
8,52 US-$ pro Quellcode-Zeile je nach System.(16)
Aufgrund der beschränkten Personal-Ressourcen, z.B. Mangel an
COBOL-Programmierern, ergibt sich folgende Schätzung der durchschnittlichen
Kosten pro Quellcode-Zeile in US-$ von J.P. Morgan.(17)

Abbildung 1: Geschätzte
Kosten per Quellcode-Zeile(18)
Eine aktuelle Umfrage des Konr@d-Magazins vom 16. November 1998
ergab, daß konservative Schätzungen des Bundesverbandes für
Informations- und Kommunikationssysteme die Kosten i.H.v. 45 Milliarden DM
beziffern.(19) Z.B. rechnet die BASF mit 250
Millionen DM und die Deutsche Telekom mit 300 Millionen DM.(20)
HP ist einer der größten Anbieter von
Computersystemen sowie Test- und Meßinstrumenten. Die über 29.000
hergestellten Produkte werden vorwiegend in den Bereichen Elektro- und
Kommunikationstechnik, Luft- und Raumfahrt, Automobilbau, Chemie und
Gesundheitswesen sowie Wissenschaft, Verwaltung und Dienstleistung, aber auch im
privaten Sektor abgesetzt.
Das 1939 von Bill Hewlett und David Packard gegründete
Unternehmen, welches in Palo Alto, Kalifornien, seinen Hauptsitz hat, beschäftigte
im Geschäftsjahr 1997 122.700 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz i.H.v.
42,9 Mrd. US-$. Die Produkte und Dienstleistungen werden über 600 Verkaufs-
und Supportoffices in über 120 Ländern der Welt verkauft.
In den
frühen sechziger Jahren dehnte HP seine Elektronische Meßtechnik auf
die Geschäftsfelder der Medizin und der analytischer Chemie aus. Heute
werden die Medizinsysteme der MPG, welche ihren Stammsitz in Andover,
Massachusetts, USA hat, in Krankenhäusern und Kliniken auf der ganzen Welt
benutzt. Darüberhinaus werden HP Computersysteme in den klinischen und den
administrativen Bereichen genutzt.
Durch die Kombination des klinischen
Fokus mit führender Technologie, hat HP an die Weltspitze in dem Bereich
des Patientenüberwachungssysteme geführt.
Die beiden größten Produktionsstandorte der Patient
Monitoring Division (PMD) befinden sich in Andover, USA (PMD-A)und in Böblingen,
Deutschland (PMD-B).
Bei der Patient Monitoring Division in Böblingen wurden
bei Aufnahme ihres Geschäftsbetriebes dieselben Anwendungen und Systeme
genutzt wie in Andover. Nach und nach wurden unabhängig von einander bei
beiden Standorten unterschiedliche Änderungen vorgenommen und zusätzliche
Anwendungen eingebunden.
Eine im Sommer 1997 erstellte Analyse hat gezeigt, daß
sich die Implementierung der PMD-B Systeme und Anwendungen und eine anschließende
gemeinsame Überarbeitung um dreißig Prozent günstiger erweist,
als eine getrennte Überarbeitung der PMD-A und PMD-B Systeme.
Darüber
hinaus eröffnet sie die Möglichkeit beide Standorte mit den selben
Anwendungen und Systemen auszurüsten und somit gleichzeitig eine
Angleichung der Arbeitsprozesse durchzuführen. Dies erleichtert eine
effizientere Einführung zukünftiger Geschäftsprozeßverbesserungen,
wie z.B. eine Umstellung der bisherigen Anwendungen auf SAP/R3.
Das Erreichen der Jahr 2000-Fähigkeit obliegt schwerpunktmäßig
den einzelnen Geschäftsbereichen. Eine dezentrale Verantwortlichkeit und
Durchführung soll so gewährleistet werden. Um die Koordination zu
optimieren, wird eine gemeinsame Datenbank zur Verfügung gestellt, in der
alle Unternehmensbereiche Ihre Tätigkeiten sowie ihre Erfahrungen
dokumentieren und Zugriff auf die Dokumentationen der anderen
Unternehmensbereiche haben.
Industrieumfragen ergaben, daß die meisten Unternehmen
mit vergleichbarer Größe für Jahr 2000-Projekte mit Kosten
i.H.v. zehn Millionen US-$ rechnen. Da der ökonomische Aspekt an erster
Stelle stand, sollte diese Summe im Fiskaljahr 1998 sogar weit unterschritten
werden. Darüber hinaus sollten die Anzahl der gemeinsamen von PMD-A und
PMD-B genutzten Systeme und Anwendungen maximiert werden.
Dabei wurde das
Projekt in zwei Phasen unterteilt. Die erste Phase beinhaltet die
Implementierung der PMD-B Systeme im Standort Andover. Parallel zur Ersetzung
der Systeme in Andover werden in Böblingen die Updates für das Jahr
2000 erstellt.
Die Implementierung der Jahr 2000-Updates in Andover stellt
die zweite Phase dar.
Im Juni 1997 war die Kostenanalyse bereits abgeschlossen und
die Entscheidung über die Implementierung der PMD-B Systeme in Andover
gefallen.
Innerhalb des Monats Juli 1997 wurde eine Bestandsaufnahme
durchgeführt, bei der alle Anwendungen und Systeme erfaßt wurden, und
ein Bezug zu den Systemen in Böblingen hergestellt wurde.
Folgende
Kriterien und Anforderungen wurden oder sollen in den nachstehenden
Projektabschnitten erfüllt werden.
Bis Oktober 1997:
- Feststellung der Systeme, denen keine vergleichbaren oder unterschiedliche
Systeme gegenüberstehen und die Entwicklung einer Lösung hierfür
- Erstellung eines Anwendungsplanes
- Erstellung eines Systemplanes, insbesondere Planung der Schnittstellen zur
Verknüpfung der einzelnen Anwendungen
Bis Februar 1998:- Definition, Anpassung und Vervollständigung der Prozeßablaufpläne
- Überprüfung des Anwendungsplanes, sowie die parallele Erstellung
eines Datenflußplanes
- Test der neue PMD-A Anwendungen
Bis Juli 1998:- Test durch die Anwender
- Systemintegrationstest der Jahr 2000-Updates durch die Anwender
- Dokumentation aller Systemänderungen.
- Entwicklung der Go-Live Strategie.
Bis November 1998:- Abschluß der begleitenden Prozeßablaufänderungen., sowie
deren Dokumentation
- Abschluß des Jahr 2000-Update Tests und gleichzeitiger Abschluß
der Validierung
- Abschluß der Anwenderschulung
- Erstellung eines Support-Planes
- Abschluß der Implementierung der Jahr 2000-Updates und System
Go-Live
Bis Ende Dezember 1998- Fehlerfreier Betrieb nach System Go-Live
- Abschluß des Projektes
Bis Januar 1999:- Projekt-Dokumentation
- Projekt-Retrospektive
Das Jahr 2000-Projektteam der PMD-A gliedert sich in zwei
Teile.
Dem ersten sind fünfzehn Geschäftsprozeß-Experten
zugeordnet, deren Verantwortlicher ebenfalls Koordinator für das gesamte
Projektteam ist. Sie sind verantwortlich für die Einführung der neuen
Software im Produktionsbetrieb sowie für die Prozeßumstellungen.
Dem IT-Bereich, gehören zwanzig Informatiker an, die nur für die
Anwendungs- und Systemumstellung zuständig sind.
Die Kosten des J2P-Projektes blieben im Fiskaljahr 1998 im
Rahmen der o.g. Zielsetzung.
Der Arbeitsaufwand in Andover ergibt sich aus
der Vollzeittätigkeit des Projektteams.
Für die Programmiertätigkeiten
bezüglich der Jahr 2000-Updates in Böblingen sind keine weiteren
Kosten entstanden. Die Erstellung der Updates ließ sich in das Tagesgeschäft
integrieren.
Ende des Jahres 1998 war das Projekt gemäß dem
Zeitplan abgeschlossen.
Der Arbeitsaufwand läßt sich wie folgt
differenzieren.

Abbildung 2: Zeitaufwand
für Jahr 2000-Projekte(22)
Die Patient Monitoring Division der HP Corp. hat zur Behebung
des J2P eine individuell angepasste Lösung gefunden, die den aufgestellten
Zielen gerecht wird. Durch das Ersetzen der Systeme und Anwendungen in Andover
ist es möglich die Geschäftsprozesse beider Standorte anzugleichen und
somit einen einheitlichen Wechsel auf SAP/R3 in der Zukunft vorzubereiten.
Historisch
gewachsene Geschäftsprozesse konnten auf ihre Effektivität überprüft
werden.
Man sieht an diesem Beispiel sehr gut, daß das Jahr
2000-Problem nicht nur als notwendiges Übel, sondern auch als Chance
gesehen und bearbeitet werden kann.
(11) Peter de Jager,
Doomsday 2000 in ComputerWorld, 06.09.1993
http://www.year2000.com/archive/cw-article.html
(12) Gerhard Knolmyer, Das Jahr
2000-Problem: Medien-Spektakel oder Gefährdung der Funktionsfähigkeit
des Wirtschaftssystems in Wirtschaftsinformatik, Heft 1/1997
http://www.iid.de/jahr2000/j2p/j2p_kl23.html
(13) Bernd Baier, Das
Jahr-2000-Problem in SOCIALmanagement, Heft 2/1998
http://pictor.fh-nuertingen.de/~baierb/y2k_2.htm
(14) Gartner Group, "YEAR 2000 PROBLEM"
GAINS NATIONAL ATTENTION, Press Release, 26.04.1996
http://gartner3.gartnerweb.com/public/static/aboutgg/pressrel/pry2000.html
(15) Peter de Jager, Doomsday 2000 in
ComputerWorld 06.09.1993
http://www.year2000.com/archive/cw-article.html
(16) Mitre, Cost Estimation for Year
2000 Efforts, 20.05.1998
http://www.mitre.org:80/research/y2k/docs/COST_EST.html
(17) Year 2000 Issue: An HP Perspective, Version
1.4, Juli 1998, S. 4
http://www.hp.com/year2000/graphics/whitepap.pdf
(18) Year 2000 Issue: An HP
Perspective, Version 1.4, Juli 1998, S. 7
http://www.hp.com/year2000/graphics/whitepap.pdf
(19) Jan Boris Wintzenburg, Der
Wettlauf mit der Zeit in Konr@d, 16.11.1998
http://konrad.stern.de/leseprobe/1998/45/text_2000.html
(20) Konr@d-Umfrage: Crash 2000 in Konr@d,
16.11.1998
http://konrad.stern.de/leseprobe/1998/45/tab_cra_2000_a-c.htmlhttp://konrad.stern.de/leseprobe/1998/45/tab_cra_2000_d-f.html
(21) Alle nachfolgenden Informationen zu
Hewlett-Packard aus Hewlett-Packard Corp., HP in Brief, 29.09.1998
http://www.hp.com/abouthp/brief.html
(22) Mitre, Cost Estimation for Year 2000
Efforts, 20.05.1998
http://www.mitre.org:80/research/y2k/docs/COST_EST.html
* Susanne Stefanstudiert an der Fachhochschule Nürtingen Standort Geislingen/Steige
im 7. Semester Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Unternehmensführung,
Organisation/Projektmanagement sowie Informations- und Wissensverarbeitung. Von
Februar bis August 1998 verbrachte sie ihr zweites Praxissemester bei der
Hewlett-Packard Corp. im Geschäftsbereich Patient Monitoring Division in
Andover, Massachusetts, USA. Sie war als Geschäftsprozeßexpertin im
Jahr 2000-Projektteam tätig und übernahm die Aufgaben eines
Schnittstellenkoordinators zum IT-Bereich und zum PMD-B Team. Darüber
hinaus hat sie Funktionen als Projektplaner, Projektkoordinator, Test-Manager
sowie Shipping Process Expert wahrgenommen und den Factory-Process-Plan
entwickelt.
Michael Stefan ist Bankkaufmann und studiert an der
Universität des Saarlandes im 8. Fachsemester Rechtswissenschaft.
Im Sommersemester 1998 betreute er als Redakteur die Webseite des Seminars "L'espace
virtuel. Des échanges d'idées aux transactions commerciales."
(http://www.jura.uni-sb.de/IUIL/ete98/espprogr.htm)
am Institut Universitaire International Luxembourg. Michael Stefan ist
Mitarbeiter am Institut für Rechtsinformatik und Redaktionsmitglied des
Juristischen Internetprojektes Saarbrücken.