"Jedes Zeichen war eine Zahl. Für eins machst du
ein Zeichen, für zwei ein anderes, für drei wieder ein anderes, und so
weiter." "Wozu?" "So konnten die Leute ohne Computer
rechnen. Natürlich mußten sie wissen, was die verschiedenen Zeichen
bedeuteten. Mr. Daugherty sagt, daß früher alle Kinder diese Zeichen
lernen mußten. Sie wurden auf Papier gemalt, das nannte man 'schreiben'.
Und das Entschlüsseln nannte man 'lesen'. Er sagt, früher hätten
die Leute ganze Bücher in solchen Zeichen geschrieben, und es gäbe
noch welche im Museum, und wenn ich wollte, könnte ich sie mir ansehen. Ich
habe schon alle Zahlen bis neun gelernt."
(Isaac Asimov, Der Märchenerzähler,
in: Schlaue Kisten machen Geschichten, hrsg. v. Ruth J. Kilchenmann, o.O. 1977,
S. 217 -226, 223.)
Die Juristen erheben mit der Bezeichnung "Jurisprudenz"
den Anspruch, über eine praxisorientierte Klugheitslehre für den
Umgang mit dem Recht zu verfügen. Soll der EDV-Einsatz der Juristen mit
diesem Anspruch Schritt halten, sind Anstrengungen unumgänglich, auch für
diesen Teil der juristischen Tätigkeit Klugheitsstandards zu entwickeln,
die dem entsprechen, was die Juristen für den Umgang mit dem Recht
postulieren. Der Akzent liegt dabei ebenso auf "Klugheitslehre" wie
auf "praxisorientiert". Für das ausschließlich
theoriegeleitete Bemühen auf dem Gebiet der Rechtsinformatik mag manches
(wenn auch nicht alles) anders aussehen als hier empfohlen.
1. "If it ain't broken, don't
fix it"
2.Übe Dich in der
Software-Askese, oder: Nicht jede neue Version verdient Aufmerksamkeit
3.Wappne Dich gegen den zufälligen Wandel (so gut es
geht), oder: Richte den Blick, auf das, was bleibt
4.Beachte
den Primat des zu Erledigenden, oder: Das Mittel ist nur Mittel zum Zweck
5.Wähle das richtige (im Sinne von: zweckadäquate)
Mittel
6."Small is beautiful", oder:
Vom eigenen Charme des Unaufwendigen
7.Tue nicht
alles selbst
8.Versuche zu verstehen, was das
Programm tut
9.Bewahre die Fähigkeit, das
tun zu können, was das Programm tut
10.Bleibe Herr der Dinge
1. "If it ain't broken, don't fix it"
Der unter amerikanischen Programmierern beliebte Satz, daß
man etwas Nicht-Defektes nicht reparieren soll, gehört an den Anfang jeder
EDV-Klugheitslehre. Immer wieder wird man erleben, daß angesichts einer
nicht mit erkennbaren größeren Fehlern behafteten EDV-Lösung ein
Spezialist (manchmal ein selbsternannter) auf den Plan treten wird, der mit großer
Überzeugungskraft behauptet, man könne all dies wesentlich eleganter
bewerkstelligen. So sehr das Streben nach höherer Eleganz ein
Antriebsmoment für den Theorienfortschritt sein mag, so sehr sollte man
sich in der Praxis im Regelfall diesem Ansinnen entgegenstellen. Denn häufig
endet die Verschönerung eines angeblich allzu hausbackenen (aber immerhin
nicht ersichtlich fehlerhaften) Programms bei einem wirklich fehlerhaften
Programm (mindestens für einen nennenswerten Zeitraum). Rechnet man dann
die Vorteile des Erreichten gegen den Aufwand bis dorthin, wird man sich
schmerzlich daran erinnern, daß "If it ain't broken, don't fix it"
wirklich eine Klugheitsmaxime ist.
2. Übe Dich in der Software-Askese,
oder: Nicht
jede neue Version verdient Aufmerksamkeit
Die Entwicklungszyklen im Software-Bereich werden immer kürzer.
Eine neue Version jagt förmlich die andere. Wer über eine
nennenswerte Anzahl von Programmen verfügt, kommt mit dem "Updaten"
(so sagt man) nicht nach. Die Klugheit fragt danach, ob man sich dieser
scheinbaren Zwangsläufigkeit aussetzen muß, und antwortet verneinend.
Der (zugegebenermaßen einfache) Grund liegt darin, daß das Neue
nicht per se als das Bessere oder Geeignetere angesehen werden kann, weswegen
man ein Prüf-und Auswahlprinzip benötigt. Dieses könnte lauten:
Wenn die Version des Programms, das Du einsetzt, alles von ihm Erwartete und für
die Arbeit Nötige in ausreichend benutzerfreundlicher Weise leistet,
besteht kein Anlaß, sich durch eine neue Version beunruhigen zu lassen.
Umgekehrt: Nur wenn das verwendete Programm Mängel hat oder bezogen auf
notwendige Arbeitsziele Defizite aufweist, besteht Anlaß, eine neue
Programmversion daraufhin zu prüfen, ob sie diesbezüglich besser
abschneidet.
(Um möglichen Mißverständnissen vorzubeugen:
Es versteht sich von selbst, daß unnötige Umständlichkeiten im
Bereich der Handhabung zu den Restriktionen gehören, deren Überwindung
angezeigt ist, so daß hier der Software-Fortschritt zu prüfen bleibt.
Aber auch da gilt: Das Neue ist nicht per se software-ergonomisch gelungener als
das Alte.)
Software-Askese 2) steht im übrigen
mit der alten Tugend der Sparsamkeit in einem engen inneren Zusammenhang, was
beweist, daß alte Moralphilosophie auch kategorial Neuem (wie der
Software) gewachsen sein kann: Man kann sparsam mit den Ressourcen umgehen, weil
nicht jede Aufforderung zu erhöhtem Verbrauch (um nicht zu sagen: zur
Verschwendung) auf zweckbedingter Notwendigkeit beruht.
3. Wappne Dich gegen den zufälligen Wandel (so gut
es geht),
oder: Richte den Blick, auf das, was bleibt
Spektakuläre Firmenübernahmen und überraschende
Produktionseinstellungen machen immer wieder darauf aufmerksam, von welchen Zufälligkeiten
der EDV-Anwender abhängt und unter welcher Bedrohung das für ein
bestimmtes kommerzielles Programm eingesetzte Zeitbudget steht. Hat ein Programm
den Konsolidierungsgrad erreicht, von dem eben die Rede war, so mag man sich
damit beruhigen, daß weitere Entwicklungen ohnehin für die eigene
Arbeit nichts entscheidend Besseres hätten erbringen können. Hat man
sich aber aus wohlerwogenen Gründen, was auch oft vorkommt, für ein
noch nicht ganz ausgereiftes Produkt entschieden, und dies im Vertrauen auf die
Weiterentwicklung, so wird man von der Produkteinstellung oder dem Übergang
des Produkts an eine Firma, die es kaum noch pflegt, schmerzlich betroffen.
Die Diagnose ist klar, die Therapie nicht einfach: Gibt es
klugheitsorientiert überhaupt eine Möglichkeit, sich gegen derartige
Wechselfälle des Lebens und der Wirtschaft zu wappnen? Es gibt sie, wenn
auch nicht im Sinne eines Patentrezepts, sondern nur als heuristische Regel, die
die Wahrscheinlichkeit, unangenehm überrascht zu werden, in nennenswerter
Weise verringert.
Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, daß man sein
Gespür für dauerhafte Strukturen schärft. Einer Firma zu
vertrauen, mag sie noch so groß und noch so alt sein, ist risikoreicher,
als sich auf übergreifende Kooperationszusammenhänge zu verlassen.
Derartige Kooperationen mit einem allemal haltbareren verzweigteren Wurzelwerk
trifft man beispielsweise im Bereich der "Public Domain"-Software an.
Der Hinweis auf Donald Knuth's TEX mag genügen um zu veranschaulichen, was
gemeint ist (vgl. für eine Kurzcharakteristik meinen Beitrag "Software
für juristische PC-Räume" in: Eberle, Informationstechnik in der
Juristenausbildung, München 1989, S. 83 -113, 92f.). Die weltweite "TEX-community"
ist - wie die bisherige, gar nicht so kurze Geschichte zeigt - gegen Wechsel im
Hard- und Software-Bereich recht resistent und produziert rund um TEX immer
wieder angemessene und innovative Lösungen - meist übrigens dem Geist
der "Public Domain" entsprechend altruistisch. Man ist vor diesem
Hintergrund versucht, die Hilfsregel zu erwägen, daß das Uneigennützige
mehr Aussicht auf Bestand hat als das Eigennützige.
4. Beachte den Primat des zu Erledigenden,
oder: Das
Mittel ist nur Mittel zum Zweck
Wer kennt nicht die folgende Situation: Anläßlich
der Erledigung einer Aufgabe mit Mitteln der EDV verhält sich das Gerät
oder das Programm an einer Stelle nicht so, wie es sollte. Man kann diesen
unerwarteten Zustand leicht umgehen und das Ziel auf diesem naheliegenden Umweg
nur mäßig umständlicher erreichen. Trotz dieses naheliegenden "workaround"
(ein in EDV-Kreisen bis hin zu AGB's nicht ohne Grund zunehmend beliebter
werdender Ausdruck) liefert man sich ein gnadenloses Duell mit dem Rechner, bis
er das Gewollte genau so wie gewollt tut. Ein wenig trägt dieser erbitterte
Kampf Züge von "Er oder ich", als müsse man als Herr und
Meister dem Instrument sogar in den Einzelheiten der Ausführung den eigenen
Willen aufzwingen. Hin und wieder mag das zu Lernzwecken nützlich sein.
Auf's Ganze gesehen ist es unvernünftig, weil das eigentlich zu
Erledigende, dem schließlich der Primat zukommt, dabei aus dem Blick gerät.
5. Wähle das richtige (im Sinne von: zweckadäquate)
Mittel
Die Faszination der EDV-Technologie verführt oft dazu,
sich bei der Erreichung eines Ziels interessante technische Möglichkeiten
zunutze zu machen, die den Scharfsinn herausfordern, aber im Vergleich mit
anderen Mitteln ganz unzweckmäßig sind.
Ein (durchaus nicht fiktives) Beispiel mag diese Behauptung
veranschaulichen: Ein Schriftsatz für einen Korrespondenzanwalt ist mittels
Textverarbeitung erstellt worden. Mit Hilfe eines anspruchsvollen Fax-Programms
wird dieser Schriftsatz nun direkt aus der Textverarbeitung an den Kollegen
gefaxt. Dieser setzt OCR-Software ein, um das zugefaxte Bild (Fax übermittelt
Bilddateien) wieder in den Text zurückzuverwandeln, der es einmal war, um
dann mit der Textverarbeitung eine Überarbeitung vorzunehmen. Angesichts
der Tatsache, daß man Texte von Rechner zu Rechner (übrigens sogar über
das normale Telefonnetz) direkt als Text übertragen kann, ist das eine ganz
unangemessene Verfahrensweise. Wer aber die Personen aus dem Beispiel einmal
begeistert über den von ihnen betriebenen Aufwand hat sprechen hören,
wird das Postulat der Auswahl des zweckadäquaten Mittels bei aller
Selbstverständlichkeit der Einschärfung für Wert halten.
6. "Small is beautiful",
oder: Vom eigenen
Charme des Unaufwendigen
Wenn eben für die Wahl des zweckadäquaten Mittels
votiert wurde, so ist darin implizit auch die These enthalten, daß nicht
mehr Aufwand getrieben werden darf, als es der Zweck erfordert. Trotzdem
verdient dieses Corollarium im Sinne der Verdeutlichung eine zusätzliche
Betrachtung.
Wieder soll ein Beispiel in die Problemlage einstimmen. Setzen
wir den Fall, daß ein Jurist einen Text erstellen will, der außer
einfachen Auszeichnungen wie Fett oder Kursiv keine weiteren Gestaltungsmerkmale
enthält. Es ist heutzutage nicht mehr selten, daß er zu diesem Zweck
einen Rechner mit 8 MB Hauptspeicher und graphischer Benutzeroberfläche
anwirft und dann ein hochkarätiges Textverarbeitungsprogramm aufruft, das überdimensional
viel mehr erlaubt, als vorliegend gefordert ist.
Ist es schädlich, so zu verfahren? Man sollte sich das
hin und wieder bewußt fragen, da es nicht nur um die ästhetische
Qualität der unaufwendigen einfachen Lösung geht, sondern zusätzlich
um die Frage der Ressourcen-Verschwendung. Und wie so oft, erweist sich das
Sparsame auch unter anderen Aspekten als das Nützliche: Nicht selten ist
die "kleinere" Lösung auch unter sekundären Aspekten wie
Geschwindigkeit, Stabilität, Bedienungsleichtigkeit etc. die bessere.
7. Tue nicht alles selbst
Arbeitsteilung ist nicht ohne Grund entstanden und hat als
Spezialisierung meist ihren Nutzen. Immer leistungsfähigere Programme
entfalten eine gegenläufige Tendenz und verführen dazu, alles selbst
machen zu wollen. In einer Karikatur, die ich kürzlich sah, meint ein
Manager in diesem Sinne: "Mein neues Programm erlaubt es mir, Texte so zu
schreiben, wie dies früher meine Sekretärin getan hat, sie so zu
gestalten, wie dies früher unsere Hausdruckerei getan hat, zu buchen, wie
dies früher mein Buchhalter tat ... (usw.)". Jeder mag in dieses
Schema selbst die Beschreibung dessen einsetzen, was er früher nicht selbst
getan hat, nun aber mit Mitteln der EDV meint selbst tun zu müssen (und zu
können). Sicher ist es gut, dazuzulernen und sich neue Tätigkeitsfelder
zu erschließen. Nur muß man sich dabei darüber im Klaren sein,
daß das Programm, das anscheinend (und manchmal sogar nur scheinbar) all
dieses Neue erlaubt, nicht auch noch durch eine Art Osmose die für ein
Anwendungsumfeld nötige Kunstfertigkeit und das dort geforderte
handwerkliche Können mit vermittelt. Die Wahrheit dieser These ist etwa
beim Desktop-Publishing allerorten zu beobachten: Die vielfältigen Möglichkeiten,
das Aussehen eines Textes zu gestalten, werden oft exzessiv genutzt, ohne daß
dieser Gestaltungsdrang durch das Wissen moderiert würde, das sich ein
guter Setzer in langer Ausbildung und Übung erworben hat. Deshalb wäre
es oft besser, ohne entsprechende Ausbildung die Textgestaltung den dafür
Kundigen zu überlassen.
Wie viele Klugheitsregeln, so ist auch die eben behandelte in
Gestalt des Sprichworts "Schuster, bleib bei Deinem Leisten" dem
Volksmund wohl vertraut (was nicht gegen sie spricht).
8. Versuche zu verstehen, was das Programm tut
Je "mächtiger" (so sagt man heute gerne in
EDV-Kreisen) Software wird, desto mehr ist die Fähigkeit des Anwenders gefährdet,
zu verstehen, was das Programm im Einzelfall wie tut. Das Phänomen hat
seine Vorläufer in einfacheren Zusammenhängen: Spätestens seit es
Taschenrechner gibt, dürfte die Fähigkeit, bestimmte Berechnungen im
Kopf oder auf Papier durchführen zu können, zu einer gefährdeten
Kulturtechnik geworden sein. Und wem kann man beispielsweise heute noch
zutrauen, daß er in der Lage wäre, eine Quadratwurzel ohne andere
Hilfsmittel als Papier und Bleistift auszurechnen?
Doch das sind, wie gesagt, nur die Vorläufer des
Problems, das heutzutage auf uns zukommt. Es gibt Juristen, die berechnen als
notwendige Vorfrage für die juristische Behandlung des möglicherweise
sittenwidrigen Kredits mit EDV-Instrumenten Zinssätze von Ratenkrediten,
ohne zu wissen, was sich dabei im einzelnen abspielt. So ist man dem Instrument
hilflos ausgeliefert - und das erweist die Redeweise von der "mächtigen"
Software in einer hintergründigen zweiten Lesart in dem Sinne als
zutreffend, daß wir uns den Zwangsläufigkeiten der Instrumentarien
ausliefern, uns von ihrer "Macht" überwältigen lassen. Was
aber, wenn die Programme Fehler machen und wir mangels Verständnisses gar
nicht mehr ahnen, daß dem so sein könnte? Nebenbei bemerkt: Gerade
bei dem Beispiel der Programme zur Berechnung von Ratenkrediten ist die Frage
nicht nur rhetorischer Art.
9. Bewahre die Fähigkeit, das tun zu können,
was das Programm tut
Von der Kompetenz, im Prinzip angeben zu können, was ein
Programm wie bewerkstelligt, ist die (weitergehende) Fähigkeit zu
unterscheiden, auch selbst das tun zu können, was das Programm tut.
Insofern ist dieses Postulat eine Verschärfung des vorhergehenden. Eine
Geschichte (es ist eine Science-Fiction-Erzählung, deren Fundstelle ich
nicht mehr verifizieren kann) mag veranschaulichen, worum es geht: In ferner
Zukunft ist auf einem entlegenen Planeten ein riesiges Raumschiff mit Tausenden
von Besatzungsmitgliedern zur Notlandung gezwungen gewesen, weil die EDV-Anlage
für die Kursberechnung ausgefallen war. Es bricht große Verzweiflung
aus, man sieht sich rettungslos verloren. Doch dann entwickelt jemand den Plan,
durch geschickte Verteilung von Rechenaufgaben die Berechnung des Rückflugkurses
so zu organisieren, daß alle an Bord wie Rechenwerke eines Großrechners
kooperieren. So gelingt das bewußtseinsmäßig schon nicht mehr
als reale Möglichkeit Präsente: Die Erledigung einer Aufgabe durch
Menschen, die nur noch "dem Rechner" zugetraut wurde.
Die Möglichkeit des Erfolges "in fabula" beruht
zum einen darauf, daß das vorhergehende Postulat realisiert war. Das
Know-How für Kursberechnungen war an Bord des Raumschiffs vorhanden.
Hinzukommen muß aber bei komplexeren Aufgaben eine Menge von
handwerklichem und arbeitsorganisatorischem Wissen. Das prinzipielle "Gewußt
wie" ist notwendige, nicht jedoch auch hinreichende Bedingung für das "Gewußt
was". Eine milde Sicht der Dinge könnte geneigt sein, der darin
liegenden Ausweitung des Pflichtenkatalogs auszuweichen und es bei der Forderung
nach begleitendem prinzipiellen Verstehen bewenden zu lassen. Doch liefe auch
das auf eine Abdankung als Herr des Geschehens hinaus, hieße es doch, daß
die Wegnahme der EDV-Hilfsmittel die Unmöglichkeit eigenständiger
Problemlösung nach sich zieht. An dieser Stelle ist ein Punkt erreicht, wo
man sich fragen muß, ob wir nicht in größeren
Organisationszusammenhängen sozial schon den Zustand erreicht haben, dem
das eben besprochene Postulat entgegenwirken soll: Gibt es nicht bereits
Bereiche, wo die Dinge so organisiert sind, daß bei Ausfall der EDV die
geschuldete Arbeit gar nicht mehr erbracht werden könnte (und nicht nur
langsamer oder mühevoller)? So wichtig es ist, dieser Frage nachzugehen, so
wenig darf man sich durch diese globale Fragestellung davon ablenken lassen, daß
man es am eigenen PC-Arbeitsplatz, im Bereich der eigenen "Organisationshoheit"
nicht dahin kommen lassen sollte, weniger kompetent zu sein als der Rechner.
Oder, wie Dreyfus und Dreyfus es ausdrücken:
"The chips are down, the choice is being made right
now. And at all levels of society computer-type rationality is winning out.
Experts are an endangered species. If we fail to put logic machines in their
proper place, as aids to human beings with expert intuition, then we shall end
up servants supplying data to our competent machines. Should calculative
rationality triumph, no one will notice that something is missing, but now,
while we still know what expert judgement is, let us use that expert judgement
to preserve it"
(Hubert L. Dreyfus/Stuart E. Dreyfus, Mind over
machine: The power of Human Intuition and Expertise in the Era of the Computer,
New York: The Free Press 1986, S. 206; vgl. dazu Marion Drücker, Informatik
und Recht 1987, S. 165 - 168, 205 - 209).
10. Bleibe Herr der Dinge
Sucht man nach einer Meta-Regel, die das bisher Erörterte
zusammenfaßt, so bietet sich das Souveränitätspostulat "Bleibe
Herr der Dinge" an. Es bliebe ohne Entfaltung im Einzelnen zu pauschal, hat
aber als Merkposten für im Detail Begründetes durchaus seine
Bedeutung. Auch dazu eine (diesmal selbsterlebte) Geschichte.
In einem EDV-Geschäft in der Nähe von Münster,
das es mittlerweile konkursbedingt schon lange nicht mehr gibt, erscheint ganz
in Ledermontur ein Motorradfahrer und erkundigt sich nach einem Gerätetreiber,
den es - wie man ihm sagt nicht gibt. Darauf erwidert er gedankenschwer: "Ich
könnte den Treiber ja schlimmstenfalls selber schreiben, wenn ich nur wüßte
wie."
Ja, wenn wir eines Tages nicht mehr wissen wie - was wäre
dann (vgl. das vorangestellte Zitat)?
* Dr. Maximilian Herberger ist
Professor für Bürgerliches Recht, Rechtstheorie und Rechtsinformatik
an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, Direktor des
Instituts für Rechtsinformatik und Herausgeber der Internetzeitschrift
JurPC.