JurPC Web-Dok. 183/2011 - DOI 10.7328/jurpcb/20112611178

Florian Albrecht *

Buchvorstellung - Schertz/Höch, Privat war gestern.
Wie Medien und Internet unsere Werte zerstören

JurPC Web-Dok. 183/2011, Abs. 1 - 11


Autorenprofil
Schertz/Höch
Privat war gestern. Wie Medien und Internet unsere Werte zerstören
Ullstein Buchverlage GmbH
2011
250 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN: 978-3-550-08862-9
Intention des von den Medienanwälten Schertz und Höch verfassten Werkes ist zunächst eine Bestandsaufnahme: Die Autoren wollen zeigen, wie weit der Verlust der Privatsphäre in unserer Gesellschaft bereits fortgeschritten ist. Zudem beabsichtigen die Verfasser aber auch eine Sensibilisierung: Dem Leser soll aufgezeigt werden, welche Gefahren und Risiken die "neue Medienwelt" mit sich bringt und wer insoweit die maßgeblichen Akteure und Gefährder sind. JurPC Web-Dok.
183/2011, Abs. 1
Bereits die Einleitung weist auf die Kernproblematik, den im Internet zu verortenden, allzu sorglosen Umgang mit personenbezogen (eigenen und fremden) Daten, hin. Ursächlich hierfür ist nach Ansicht der Verfasser u.a. die Naivität der Nutzer, deren fehlende Medienkompetenz, Sensationssucht und Rücksichtslosigkeit sowie der Wunsch nach Selbstdarstellung. Dem ist zuzustimmen. Sicherlich dürfte auch dem Privatfernsehen ein maßgeblicher Einfluss hinsichtlich des zu verortenden Wandels unseres Privatheitsverständnisses zuzusprechen sein. Die Bezugnahme der Autoren auf die Unterhaltungsshow "Tutti Frutti" ("alles scheint möglich") mutet angesichts dessen, was im TV heute bereits im frühen Abendprogramm geboten wird, allerdings etwas kurios an. Abs. 2
Wenig Sympathie abgewinnen kann man der den Ausführungen zu entnehmenden Forderung nach einer strikteren Trennung zwischen Beruf und Privatleben, soweit Politiker betroffen sind. Hier gilt es zu beachten, dass insbesondere Mandatsträgern ein hohes Maß an Integrität, Wertebewusstsein und Beständigkeit abverlangt werden darf. Insoweit dürfte es für die erforderliche Willensbildung des Wahlvolkes sicherlich relevant sein, wer seine Doktorarbeiten zusammenkopiert hat und wer sich mit Minderjährigen auf Hotelzimmern vergnügt. Abs. 3
Nachvollziehbar ist die Beantwortung der Frage "Warum wir Privatsphäre brauchen?". Schertz/Höch betonen die Schnittmenge zwischen Privatsphäre und Menschenwürde und die gesellschaftliche Relevanz der Privatheit. Auf den Punkt bringt es die Feststellung, dass Allwissen aller über den anderen den Konformismus fördert und mithin die Demokratie und unsere gesellschaftliche Ordnung gefährdet. Abs. 4
Einer "kleinen Geschichte der Privatsphäre" folgen sodann Beispiele für den sorglosen Umgang mit personenbezogenen Daten (z.B. insbesondere von Jugendlichen und Heranwachsenden in sozialen Netzwerken) und dessen Folgen. Eine kritische Bewertung erfahren bspw. die "Spick-Mich"-Entscheidung des BGH, der Fall "Lisa-Loch" und das (zunehmende) Abhängigkeitsverhältnis zwischen Politik und Medien (man wird u.a. an Guido Westerwelles "überdrehten" Auftritt bei Big-Brother erinnert). Abs. 5
Als Beispiele für den "Medialen Pranger" werden der Vergewaltigungsprozess um Jörg Kachelmann und das Steuerhinterziehungsverfahren gegen Klaus Zumwinkel angeführt. "Der Beschuldigte verliert faktisch sein nobelstes Recht: Nämlich auch vor der Öffentlichkeit - als unschuldig angesehen zu werden." Ausführlich dargestellt wird zudem die die Privatsphäre zersetzende Rolle der Printmedien, deren Methoden und Vernetzungen und der Einfluss des Fernsehens auf unser heutiges Verständnis von Privatsphäre. Abs. 6
Die Ausführungen zum Internet ("Ausstellungsvitrine des Privaten") befassen sich u.a. mit dessen Breitenwirkung, dem "Problem" der Anonymität, der Speicherdauer ("Internetradiergummi"), Google Street View und (dem Selbstdatenschutz bei) Facebook. Das Werk schließt mit Anmerkungen zum Mitwirken der Justiz am Verfall der Privatsphäre. Abs. 7
Ein Großteil der seitens der Autoren ausgesprochenen Kritik ist berechtigt. Uneingeschränkt zustimmen kann man der Forderung nach Vermittlung von mehr Medienkompetenz an Schulen und einer "digitalen Mündigkeit". Gefolgt werden kann auch dem Fazit der Autoren, wonach sich ein Schutz der Privatsphäre angesichts der Macht des Faktischen vor allem durch Maßnahmen des Selbstdatenschutzes verwirklichen lässt. Überzogen wirkt allerdings die dem Werk anhaftende und mitunter populistisch wirkende Dramatik, die den angeführten Bedrohungsszenarien (bspw. Selbstmorde als Folge des Cyber-Mobbings, "Prominenten-Malus" und die Bedrohung der rechtsstaatlichen Ordnung durch Schauprozesse) innewohnt. Abs. 8
Die Anschaffung des Werkes kann allen mit Fragen des Medien-, Internet- und Datenschutzrechts sowie der Rechtspolitik befassten Juristen empfohlen werden. Zu hoffen ist, dass es der Erwartung seiner Verfasser gerecht wird, die sich insbesondere eine "vorurteilsfreie[n], breite[n] Diskussion darüber, was Privatheit im digitalen Zeitalter noch bedeuten kann und wie viel Privatsphäre wir uns eigentlich wünschen", erhoffen. Jedenfalls zeigt es anschaulich, dass die Forderung nach Anonymität im Internet - insbesondere auch in sozialen Netzwerken (vgl. § 13 Abs. 6 TMG) - weiterhin ergebnisoffen diskutiert werden muss. Abs. 9
Ein Interview mit den Autoren über ihr Buch findet sich unter http://digital-zeitschrift.de/mediathek.php?type=podcast (Audio Link). Abs. 10
Ebenfalls zum Buch Schertz unter http://www.dradio.de/aodflash/player.php ?station=3&broadcast=1000300&datum=20110914&playtime=1315982474&fileid=b029f2ae& ;sendung=348714&beitrag=1553908&/ (Audio Link).
JurPC Web-Dok.
183/2011, Abs. 11
* Der Autor ist Akademischer Rat a.Z. und Geschäftsführer der Forschungsstelle für IT-Recht und Netzpolitik (for..net) an der Universität Passau. Er ist zudem Beteiligter des durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Graduiertenkollegs "Privatheit".
[ online seit: 29.11.2011 ]
Zitiervorschlag: Autor, Titel, JurPC Web-Dok., Abs.

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