JurPC Web-Dok. 81/2007 - DOI 10.7328/jurpcb/200722581

Bernt von zur Mühlen *

Web 2.0  —  Vortrag vor der Europäischen EDV-Akademie des Rechts in Merzig am 17.04.2007

JurPC Web-Dok. 81/2007, Abs. 1 - 106


Meine sehr verehrten Damen und Herren, JurPC Web-Dok.
81/2007, Abs. 1
Web 2.0 ist ein Schlagwort aus der Welt des Internets, ein Modebegriff, der sich aber ganz gut - jenseits seines regelrecht mystischen Charakters - in konkrete und beschreibbare Teile zerlegen lässt. Meine Einleitung hier auf Ihrem 2. Merziger Datenbankenforum soll Ihnen das Phänomen etwas deutlicher werden lassen. Abs. 2
Der Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee,- inzwischen von der Queen geadelt wie ein Popstar - hatte bei seinem "Read and Write" Format immer den Austausch von Forschung im Auge. Jeder Webnutzer, so der Vater des Internet, sollte auch etwas beisteuern, also aktiv Inhalte hinzufügen. Geben und Nehmen. Do ut des. Abs. 3
Dieses Gründerprinzip des Netzes schien offensichtlich in den neunziger Jahren an den Rand gedrängt worden zu sein: die Nutzer waren passive Surfer, die vor allem im Netz konsumieren sollten. Abs. 4
Jetzt im neuen Jahrtausend surft der neue Typus Webnutzer nicht mehr nur durch das Netz, sondern er ist zunehmend aktiv. Er verändert und bereichert das Netz, er schreibt Web-Tagebücher, veröffentlicht Fotos und Videos und integriert sein Wissen in Online-Enzyklopädien wie Wikipedia. Abs. 5
Aktiv statt passiv im Netz zu sein, hat die wesentliche Ursache und den Antrieb dadurch, dass der Nutzer keine Programmierkenntnisse mehr braucht, dies nehmen ihm zahlreiche raffinierte Softwareprogramme ab. Upload und Download. Sehr einfach. Oder zumindest schon viel einfacher als noch vor zwei Jahren. Abs. 6
Das Netz ist durch seine enorm schnell wachsende Nutzergemeinde selbstbewusst geworden. Geschickte Marketing-Leute reflektieren laut im Netz, testen ab, was gut ankommt, wie sich das Netz selbst gerne sehen würde. Wir sind das Web - lautet das Selbstbewusstsein. Oder, in bewusster Anlehnung an die sogenannte Radiotheorie von Bert Brecht " Ich bin der Sender". Wo man gerade weltweit für Web 2.0 Anwendungen sitzt, an welchem Rechner , wird zunehmend gleichgültig. Abs. 7
E-Mails, Weblog, Flickr-Fotopage und Bookmarks sind überall erreichbar. Immer mehr Software ist komplett ins Web verlagert worden, bzw. liegt auf Servern irgendwo in der Nähe von Las Vegas oder auf den Seychellen, der Nutzer muss sich nicht mehr Softwareupdates kümmern und statt proprietärer Programme auf dem Computer wie z.B. das Microsoft Outlook bietet der Mega-Dienst Google auch Mails mit besseren Funktionen an als die meisten Softwareprogramme. Abs. 8
Der Desktop wird zum Webtop. Und auch können die Inhalte des Web zunehmend über mobile Geräte wie Handys, MP3-Player oder Pocket PCs abgerufen werden. Abs. 9
Zunehmend füllt sich das Web mit Inhalten, die die Nutzer selbst produzieren oder zumindest vorhandene Inhalte weiterverarbeitet, veredelt haben. Der ehemalige Amazon-Chiefscientist, Andreas Weigend, brachte es recht trocken auf den Punkt, wenn er das Aal-Prinzip formulierte: " Andere arbeiten lassen." Abs. 10
Amazon lässt auf diese Weise seine angebotenen Bücher von den Lesern im Netz bewerten und bietet zu einem Buch, das man auf der Plattform ansieht, eine Liste weiterer Bücher mit dem Titel :" Kunden, die dieses Buch gekauft haben, haben auch diese Bücher gekauft." Abs. 11
Ähnlich funktioniert das Bewertungssystem von EBAY. Käufer und Verkäufer können sich gegenseitig beurteilen. Abs. 12
Offensichtlich ist der Internetnutzer ausgesprochen willig und begeistert freiwillig im Netz zu arbeiten. Bewertungsseiten wachsen schnell und pro Sekunde entsteht weltweit ein neues Blog. Abs. 13
Ironisch könnte man jetzt an dieser Stelle einwenden, dass Web 2.0 die Kunst ist, den Nutzern ihre selbst geschaffenen Inhalte mit Werbung anzureichern, um sie dann wieder den Nutzern vorzusetzen und dann daran zu verdienen. Abs. 14
"Der Wert eines Netzwerkes steigt exponentiell mit der Zahl der Nutzer", erläuterte bereits vor 10 Jahren der Internet-Pionier Robert Metcalfe und Millionen von Nutzern tragen ihr Wissen, ihre Kommentare, ihre Erfahrungen zu einem großen Datenberg zusammen, den Tim O'Reilly, in dem Artikel "What is Web 2.0?" als die Nutzbarmachung der kollektiven Intelligenz bezeichnet. Abs. 15
Tim O'Reilly ist auch der Schöpfer des sicher sehr unscharfen Begriffs Web 2.0, um dessen Realität es hier geht, der im Oktober 2004 entstand, als man auf der Suche nach einem griffigen Begriff für eine Konferenz war. Abs. 16
Allerdings liefert O'Reilly einige Eigenschaftsbeschreibungen für Web 2.0 mit, die ganz treffend sind. Abs. 17
Es sind dies:
    Die Web 2.0 Anwendungen sind von einzelnen Geräten und Betriebssystemen unabhängig
  • Die aggregierten Daten müssen mit anderen Quellen kombinierbar sein
  • Aus Nutzern werden Entwickler, Betreiber von Webseiten. Es entsteht eine Architektur der Beteiligung.
Abs. 18
Je mehr mitmachen, desto vielfältiger, besser wird das Gesamtangebot. Abs. 19
Aus dem Gemisch von Standardisierung und Barrierefreiheit, offenen Schnittstellen und Verknüpfungen, Verlagerung von Software vom stationären PC ins Netz, Teilen und Zusammenarbeiten, Vernetzung, Interaktivität und Offenheit etabliert sich die Ebene "User Generated Content" und das Web für alle. Abs. 20
Es kann jeder schreiben. Es soll jeder schreiben, fotografieren, Videos erstellen und dann ins Netz stellen. Uploaden hört sich allerdings cooler an. Jeder kann Nachrichten in Umlauf bringen und kommentieren. Natürlich führt dies zur Irritation der bisherigen Begriffe und Qualifikationen. Abs. 21
Wenn jeder Bürgerjournalist - Citizen Journalist - werden kann, wo bleiben dann die Leitmedien? Und da ist ja auch eine massive Diskussion, die nicht nur in den Redaktionen geführt wird, sondern auch in Fachpublikationen und noch viele Jahre die Medien begleiten wird. Abs. 22
Für die Bundesrepublik bedeutet die Anwendung der Web 2.0 -Wirklichkeit in Zahlen, dass ca. 12 Prozent der Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren mindestens einmal pro Woche eine Web 2.0 Anwendung nutzt. Unter den Onlinern sind es schon stattliche 20 Prozent. Abs. 23
Und wie immer haben Medienforscher einige Typologien zur Hand, die etwas an Sanguiniker und Pykniker bei den Medizinern erinnern, die aber verschiedene Web 2.0 Nutzer charakterisieren sollen. Abs. 24
Da gibt es "Selbstdarsteller", "Netzwerker", "Produzenten", " Spezifisch Interessierte", "Profilierte", "Kommunikatoren", "Infosucher" und " Unterhaltungssucher". Abs. 25
Vornehmlich spielt sich diese neue Web-Welt in der entwickelten Industriewelt ab. Breitbandiges Internet ist Voraussetzung. Ob über Satelliten oder digitale Terrestrik transportiert, ist gleichgültig. Mehr als 70 Prozent der Webnutzer sind jünger als 39 Jahre. Partizipation und Austausch sind die Leitgedanken, die in dieser Demografie gut ankommen und so etwas wie einen demokratischen Diskurs darstellen. Abs. 26
Die Offenheit des Netzes ist eine weitere Voraussetzung. Die meisten Anwendungen basieren auf Open Source-Software und vielen offenen Schnittstellen. Wäre dies nicht der Fall, könnte der Blogger oder Videocaster nicht in seinem Blog oder Video Google-Maps miteinbinden oder auf andere Webangebote verweisen. Verknüpfen und vorher Zerteilen, Zerreißen. Dann wieder zusammensetzen. Cut and Paste. Mashup nennt sich diese digitale Choreographie und produziert nicht nur eine manchmal hinreißend neue Ästhetik sondern zerrt auch gewaltig an der Umsetzung des Urheberrechts und anderer Rechte. Abs. 27
Das beliebteste Werkzeug für das persönliche Publizieren ist das Weblog. Jede Sekunde kommt irgendwo auf der Welt eine solche Grass-Root-Kommunikation dazu, meistens ein Ich-Medium. Abs. 28
Blogs beinhalten Nachrichten, Meinungen, Fotos, Videos, Links. Man kann sich Blogs bauen, wie ein neues Haus, man kann aber auch sofort losschreiben in Weblog-Diensten, in den Fertighäusern der Blogs. Abs. 29
Da die technische und kostenmäßige Barriere kaum mehr vorhanden ist, sind auch Audio und Videoblogs massenhaft im Netz vertreten. Abs. 30
Blogs können luftige Tagebücher sein, deren Inhalte sicherlich nicht sehr ambitioniert sein müssen und sehr oft gleichgesetzt werden mit Teenager-Geschichtchen. Abs. 31
Aber es geht auch sehr ernsthaft zu. BILDblog z.B., erfunden und gelenkt vom früheren FAZ Journalist Stefan Niggemeier. Inzwischen mit dem Grimme Preis ausgezeichnet, mit vielen Tausend Lesern täglich analysiert und kritisiert das Blog täglich die BILD-Ausgabe. Alle Fehler und bedenklichen Handwerklichkeiten werden analysiert und veröffentlicht. Abs. 32
Inzwischen integrieren namhafte Qualitätszeitungen Blogs, wobei der Blick in die USA und UK zeigt, dass Deutschland zwar den Anschluss gefunden zu haben scheint, aber der geschlossene englische Sprachraum nun mal nicht zu toppen ist. Wer einmal in der N.Y.Times sich das Blog-Angebot angeschaut hat, wird nachvollziehen, wovon ich rede. Abs. 33
... aber auch die chinesischen Blogs boomen. Abs. 34
Der europäische Raum wird zum Rest der Blogosphäre weltweit immer ein fragmentierter Raum bleiben, ein Entwicklungsland. Deshalb schreiben zunehmend professionelle Blogger in Europa ihre Einträge in englischer Sprache. Der politische Blog "Daily Kos" in den USA hat 5 Millionen Besucher wöchentlich und es bedarf keiner sehr großen hellseherischen Fähigkeit vorauszusagen, dass Blogs in den USA einen großen Einfluss auf die jetzt beginnende Präsidentschaftswahl haben wird. Für Frau Clinton und Herrn Obama. Abs. 35
In jedem Fall hat der Journalismus weltweit das Blog als neue Quelle für seine Recherche - siehe Tsunami Katastophe und Irak-Krieg - entdeckt. Und das wird so bleiben. Abs. 36
Entwickelte Blogs haben eine aussagefähige Überschrift, enthalten Links auf andere Blogs, können von Lesern kommentiert werden, archivieren fortlaufend die Einträge und verwenden sog. Tags, um die Beiträge zu klassifizieren. Das sind Standards, neue Features kommen dazu. Abs. 37
Die wichtigsten Formate bei den Blogs sind:
  1. Persönliche Blogs
  2. Professionelle Blogs / Business Blogs
  3. Community-Blogs
Abs. 38
Wer mit Blogs Geld verdienen will, muss schon mehrere 10.000 Besucher aufweisen, denn nur dann ist eine Online-Werbung kombinierbar, ob als Banner-Werbung oder in Form von Wort-Associationen/AdSense von Google. Abs. 39
Auch lassen zunehmend Firmen Blogger für sich schreiben, denn Firmennachrichten und Kundenkontakte lassen sich auch auf diese Weise pflegen. Firmen allerdings, die irgendeinen Blogger schreiben lassen, die Blogosphäre aber nicht regelmässig beobachten, nicht sofort auf Kritik reagieren, sollten die Finger von dieser Kunden- und Öffentlichkeitsarbeit lassen. Abs. 40
Realistisch muss festgehalten werden, dass die spezielle Blog-Klientel noch unter 30 ist und im Wesentlichen Schüler, Studenten und Selbstständige beinhaltet. Abs. 41
Wer unter die Blogger geht und folgende Regeln nicht beachtet, bzw. nicht brilliant anwendet, wird kläglich scheitern:
  1. Starker Inhalt
  2. Starke persönliche Note
  3. Transparenz der eigenen Person
  4. Regelmäßige Publikation
  5. Gute Schlagzeilen und Verlinkung der Einträge
  6. Kommentierung anderer Blogs
  7. Eintrag in speziellen Suchmaschinen / Technorati
  8. Eigene Domain
Abs. 42
"Ich bin der Sender" lautet das Motiv für mehr als 4000 deutschsprachige AudioBlogs, die sogenannten Podcasts. Jeder kann sein eigenes Radio produzieren. Die Blogs und Podcasts können per RSS-Feed abonniert werden und finden dann automatisch den Platz auf einem MP3 Player, deren modische Ikone der iPod von Apple ist. Abs. 43
Die bekannteste Videobloggerin Deutschlands ist die Bundeskanzlerin Angela Merkel (www.bundeskanzlerin.de) Abs. 44
Podcasts sind ebenfalls bei mehreren Zeitungen, Zeitschriften (Handelbsblatt/Computerbild/ZEIT etc.) zum Standard des Angebots auf der Webseite geworden. Comdirect ergänzt seine Börsenberichterstattung auf diese Weise, Coca-Cola erweitert so seine Life-Style Promotion und der Anbieter von Hörbüchern, Audible, bietet kostenlos Hörproben an. Abs. 45
Podcastverzeichnisse bringen Ordnung in den unübersichtlichen Dschungel der verstreuten Audiofiles. Abs. 46
Wie kommt dies alles zum Leser, Hörer, Zuschauer? Abs. 47
Unter den verschiedenen Werkzeugen im Web 2.0 ist der sogenannte RSS-Feed einer der wichtigsten. RSS heißt "Really Simple Syndication", also "wirklich einfache Verbreitung" und informiert den Nutzer, wenn sich etwas bei den Webseiten etwas ändert. Falls sie also z.B. die Nachrichten-Seiten der Tagesschau fortlaufend beobachten wollen, unterrichtet Sie der RSS Feed automatisch auf Ihrem Rechner über neue Inhalte. Abs. 48
Ohne "Feed no Read" heißt es unter Bloggern und Podcastern. Wenn über einen Feed - einer speziellen Software - der Beitrag nicht automatisch zu Leser-Hörer kommt, braucht man auch den Aufwand nicht betreiben. Im Unterschied zu Newslettern, also Mails, die an viele Empfänger auf einmal verschickt werden, also gepusht werden, arbeitet der Feed im Pull-Verfahren, holen sich automatisiert die Beiträge ab. Abs. 49
Feed Reader durchsuchen regelmäßig neue Einträge und aggregieren diese für den Leser automatisch auf dem Rechner, dem Endgerät. Abs. 50
Microsoft hat im neuen Softwarepaket Vista eine RSS-Funktion integriert. Abs. 51
Natürlich werden nicht nur Texte, sondern auch MP3-Dateien und Videos per Feed auf den Rechner abonniert, automatisch geschickt. Abs. 52
Die von der Web 2.0 Philosophie geforderte und gelebte Transparenz hat ihren gesellschaftlichen, auch persönlichen Preis. Abs. 53
Berufliches und Privates in Blogs und Podcasts, genaue Lebensläufe, Bekanntenkreise in der Netzwerkplattform OpenBC(jetzt XING), persönliche Lieblingsmusik bei Last.fm und genaue Lokalisierung von sich selbst auf Plazes.com. Abs. 54
Der Nutzer ist transparent geworden, ja er will es sogar in der ständigen Nutzung im Web 2.0. Abs. 55
Transparenz ist auch Programm. Fotos, Texte, Blogs, Videos mit der eigenen Identität verwoben, sind von allen Suchmaschinen auffindbar. Abs. 56
Die Bewegungen des Nutzers im Netz sind lückenlos beobachtbar. Ähnlich wie jedes in einer Netzzelle funkendes Handy ein perfekter und lückenloser Bewegungsmelder darstellt. Abs. 57
Web 2.0 ist auch eine Datenschleuder 2.0. Abs. 58
Aber: Marketing-Agenturen beziehen aus der Blogosphäre, dem Meinungsozean, Kundendaten. Eine lukrative Möglichkeit Direktmarketing-Daten aus dem Web2.0 Kosmos zu generieren. Abs. 59
Wem gehören eigentlich diese Daten, die oft so freiwillig hinterlassen werden? Abs. 60
Fotosharing-Seiten wie flickr.com oder die Businessplattform OpenBC(Xing) etc. können auch vom Netz genommen werden. Abs. 61
Und die ständige Durchdringung des Netzes, die Verlinkung und der tausendfache Besuch auf anderen Seiten provoziert Sicherheitsaspekte im höchsten Masse. Abs. 62
Identitäten und Öffentlichkeit managen, Passwörter für jeden Dienst einrichten und Persönlichkeitsrechte in den Blogs und Podcasts - sind Herausforderungen mit hoher Relevanz für das Web 2.0 Abs. 63
Die begriffliche Emphase der Web 2.0 Welt spricht von den Programmen und Anwendungen, mit denen Nutzer z.B. bei Dating-Seiten, Weblogs oder im Open Source Lexikon Wikipedia arbeiten, als "Social Software". Abs. 64
Wikipedia 1995 aus einem Wissensmanagement heraus entstanden, beinhaltet heute mehr als 1,7 Millionen Artikel in über 100 Sprachen. Es ist eine Ansammlung von Wissen, mit einer Vielzahl von Autoren und wächst durch Partizipation. Jeder kann immer alles ändern, alles sehen und etwas hinzufügen. Abs. 65
Von Jimmy Wales ins Leben gerufen, kann in Wikipedia nicht nur jeder lesen, sondern auch schreiben, Texte ergänzen. Natürlich sind hier Probleme wie Manipulation, geschönte Texte u.a. ein Problem, die sich aber durch die Registrierung der Nutzer weitgehend eliminieren lassen. Qualitative Tests und Vergleiche mit traditionellen Enzyklopädien markieren eine jetzt schon eine starke Stellung von Wikipedia, zumal der ständige Aktualisierungscharakter einen Vorteil darstellt. Abs. 66
Social-Software unterstützt alle Beziehungen von Many-to-many, also Beziehungen, wie sie innerhalb von Gruppen bestehen. Abs. 67
Ihre Programmierung unterstützt Kommunikation, Interaktion und Zusammenarbeit. Abs. 68
Nun kann man einwenden, dass es bereits seit 1945 die sogenannte Groupware als Vorläufer von Social Software gibt, allerdings ist es erst unter den Bedingungen des Internet möglich, mit Social Software Gruppen als primäre Objekte der Systeme zu behandeln. Abs. 69
Microsoft und IBM betreiben eigene Social-Computing-Forschungsgruppen. Abs. 70
Auch die Kooperationsformen haben sich im Web 2.0 verfeinert. Eine Webseite, die von mehreren Nutzern verfasst und geändert werden kann wird Wiki genannt, was hawaisch ist und so viel wie "schnell" bedeutet. Abs. 71
Qualitativ weniger profiliert, aber um so erfolgreicher ist die Medienplattform für Jedermann, YouTube-broadcast yourself, was soviel heißt, wie Deine Glotze - sende Dich selbst. Abs. 72
Erst seit 2005 im Netz, werden täglich 100 Millionen Videos auf YouTube angesehen und bis zu 70.000 Videos kommen täglich dazu. Ein gigantisches Sammelsurium von Schwachsinn, Humor, Skurrilem, Nutzlosem, Künstlerischem, Sachlichem, Manipuliertem etc. Abs. 73
Google kaufte 2006 die Plattform für 1,2 Mrd. Euro. YouTube ist der Archetyp des Web 2.0 - geben und nehmen, Upload und Download, Sender und Empfänger sein. Würden nicht Millionen von Mitmach-Menschen ihre Videos auf die Plattform laden, wäre es nichts wert. Abs. 74
Logisch, dass bei diesen Plattformen mit Urheberrechten nicht gerade zimperlich umgegangen wird, denn viele der kurzen Videos sind kopierte Kinofilme, TV-Serien, etc. - landen ohne Einwilligung der Besitzer auf diesen Plattformen. Auch wenn die aktuelle Klage von Viacom gegen YouTube spektakulär ist und der Streitwert mit 1 Milliarde Dollar bedrohlich klingt - diese offenen Plattformen werden sich nicht wegklagen lassen. Abs. 75
Wenn eine verschwände, würde eine Neue über Nacht im Netz etabliert sein. Zumal YouTube in der ganzen Welt Nachahmer gefunden hat und auch deutsche TV-Sender wie z.B. RTL oder ProSiebenSat1 eigene Plattformen initiiert haben. (Clipfish und MyVideo) Abs. 76
Networking Seiten, NetzwerkPlattformen gibt es zu allen denkbaren Themen. Gleichgesinnte im Netz zu finden hat eine neue Bedeutung, denn Entfernungen spielen keine Rolle und die bekannteste Networking Seite, MySpace, bewegt mehr als 120 Millionen Menschen. Abs. 77
Jeder kann hier seine Bühne errichten, wie Andy Warhol sagte, berühmt für 10 Minuten werden. Rupert Murdoch ist jetzt Besitzer von MySpace, 650 Millionen Dollar war ihm der Kauf wert. Abs. 78
Bei OpenBC, der Plattform für Geschäftskontakte, ist das System das Gleiche. Man profitiert von den Kontakten der Kontakte, oder anders ausgedrückt, ich kenne jemanden, der jemanden kennt und Spezialist für x oder y ist. Die Kategorien in Open BC sind einfach und wirkungsvoll. Und Studien belegen, dass 16 % der OpenBC Nutzer angeben, durch die Plattform einen geschäftlichen Nutzen erreicht zu haben. Abs. 79
Bereits 1967 untersuchte der Psychologe Stanley Milgram das sogenannte Small World Phenomenon und stellte die Frage, wie weit eine Person von einer beliebig anderen entfernt ist. Sechs Schritte sollen es durchschnittlich sein von einem Mensch zum anderen. Abs. 80
Der Urahn von OpenBC/Xing ist friendster.com mit 20 Millionen registrierten Nutzern. Und wie der Name andeutet, geht es hier darum Freunde und Klassenkameraden zu finden, eigene Blogs zu zeigen, Fotos auszutauschen und natürlich neue Leute über die Freunde kennenzulernen nach dem Motto: " Ich kenne da wen, der wen kennt." Also das gute alte Vitamin B. Abs. 81
Eine weitere interessante Webseite, die sozusagen von den individuellen Eigenarten seiner Nutzer kollektiv sich ernährt, ist last.fm. Dieses Angebot fordert den Nutzer auf, einige Angaben zu seiner Lieblingsmusik einzugeben, die dann nicht nur ihm angeboten wird, sondern durch die weitere, intensivere Kennziffern auf den Rechnern von last.fm mit anderen Titelinformationen von Hörern abgeglichen und vervollständigt werden. Abs. 82
Diese kollektive Jukebox erstellt persönliche Chartlisten, versendet sie an Freunde und Gleichgesinnte. Ähnlich, etwas wissenschaftlicher funktioniert pandora.com, die vom Filmkomponist Tim Westergren 2000 gegründet wurde, in dem jedes Musikstück auf insgesamt 400 Eigenschaften und Zuordnungen aus Melodie, Harmonie, Rhythmus, Tonlage, Tempo, Instrumente untersucht und zugeordnet wird. Abs. 83
Dieses Music Genome Projekt decodierte innerhalb von fünf Jahren 400.000 Songs von 20.000 Interpreten. Gibt man nun bei Pandora.com ein Lieblingsstück oder Lieblingsmusiker ein, so spielt der Player ähnliche Musik. Natürlich sind bei last.fm und pandora.com neben dieser Kernfunktion alles enthalten, was heute State of the art eines auf Web 2.0 hin positionierten Angebot integriert ist. Sozusagen die Extras. Also RSS-Feeds, News-Blogs etc. Abs. 84
Die Omnipräsenz des Fotografierens hat das Handy durchgesetzt. Es werden weltweit mehr Handys mit integrierter Digitalkamera verkauft, als Digitalkameras alleine. Die Fotoseite flickr.com - 2004 gegründet und 2005 vonYahoo gekauft, ist die berühmteste und meistgenutzte Foto-Community. Abs. 85
Fotos aus den Rechnern oder Handy auf die Seite laden, sortieren, beabeiten, Stichworte hinzufügen, mit Google Maps verbinden (Geotargeting), Benutzer in Gruppen zusammenschließen etc. und auf diese Weise bereits über 2 Millionen Nutzer auf der Seite vernetzen. Abs. 86
Manches im Web 2.0 mutet wie die bewusste Selbstenthüllung an und wird auch ständig entsprechend diskutiert. Z.B. die Anwendung plazes.com. Basierend auf dem Kartenmaterial von Google Maps lässt der Nutzer seinen Aufenthaltsort mit. Und wenn viele das machen, entsteht eine in Karten eingetragene ständig aktualisierte Anwesenheitstransparenz. Abs. 87
Noch konsequenter wird diese Applikation, wenn man die Handy-Funkzellen mit integriert, dann kann eine Zugfahrt desjenigen, der auf diese Persönlichkeitsattitüde Wert legt, wie ein transportiertes Paket dynamisch im Google-Map Material mitverfolgt werden. Abs. 88
Plazes.com ist kostenlos, ortsbezogene Werbung soll die Finanzierung darstellen. Exhibitionismus par excellence, aber digital. Abs. 89
Die Seite Twitter lässt in Echtzeit jedermann wissen, was man gerade so treibt. Reality-TV ganz konsequent. Das Banale, die Momentaufnahme des Total Normalen, die Langeweile pur wird durch die Momentaufnahme für Jedermann zum Trend. Abs. 90
Gehaltvoller, weil Nutzen stiftend, kommt Qype.de daher. Ein Bewertungsportal. Besonders in großen Städten mit seiner hohen Zahl von Dienstleistern wie Restaurants, Cafes, aber auch Ärzte, Buchhandlungen etc. empfehlen und bewerten die Nutzer diese Dienste. Transparenz wird hier so hergestellt, dass der bewertende Nutzer seinen Eintrag mit dem Eintrag seines Profils verbinden muss. Abs. 91
Was die Massenanwendung "Suchen" - z.B. über Yahoo, Google etc. betrifft, so hat sich auch hier die Web2.0 Sphäre verfeinerte Nutzenanwendungen gebaut. Wenn Gleichgesinnte, oder besser gesagt, Nutzergruppen mit ähnlichen Suchprofilen die Ergebnisse ihrer Suche systematisch zum Austausch freigeben, spricht man von Social Bookmarking. Abs. 92
Ein Vorteil: viele Suchergebnisse können schnell abgeglichen werden und der Kreis der Interessensgleichen kann vergrößert werden. Die bekanntesten sind: del.icio.us, furl.net und in Deutschland - manche Zeitungen bieten die Funktion auch auf ihren Webseiten an - ist mister-wong.de. Abs. 93
Überhaupt ist der Gedanke dem Web 2.0 inhärent, dass Menschen mit ähnlichen Profilen, ähnliche Interessen haben müssen. Eine interessante Annahme, die keine philosophische Schule in der Vergangenheit schlagend beweisen konnte. Abs. 94
Dies findet nicht nur Anwendung auf private Gruppen und Interessen, sondern auch auf Berufe und wissenschaftliches Arbeiten. In dem Dienst CiteULike können Forscher interessante Literaturstellen sammeln und austauschen. Abs. 95
Wenn solche Dienste bestehen, wo bereits Suchergebnisse geordnet werden, liegt es nahe dieses Phänomen so aufzubereiten, dass man nicht mehr fragt, sondern dort nachschaut, wo schon Suchergebnisse, also Antworten vorliegen. Google praktiziert dies unter Google Answers und Yahoo unter Yahoo Answers und bei Microsoft heißt das Windows LiveQnA. Abs. 96
Google Trends, ein eigener Dienst der Suchmaschine stellt dar, wie häufig und wo (örtlich gemeint) ein Begriff als Suchbegriff verwendet worden ist und damit sind grobe Kennziffern und Grundlagen für Trendforschungen gegeben, die von Firmen für hochinteressante Fragestellungen verwendet werden können. Abs. 97
Auf diese Weise können Automobilfirmen verfolgen, wie angekündigte neue Marken in der Webwelt diskutiert, bzw. gesucht werden und zusammen mit Text Mining, d.h. einem systematischen, ... Achtung es wird kompliziert .... halbautomatischem Prozess der Entdeckung unbekannter, nutzerrelevanter und impliziter Informationen und deren Beziehung lassen sich Trends frühzeitig erkennen. Abs. 98
Bei der Verfeinerung des Internets, dem semantischen Web wird es möglich sein, nicht nur feststehende Begriffe, wie z.B. Bank Merzig zu suchen, sondern auch semantische Bezüge zu verarbeiten, also die Bank als Geldinstitut und die Bank zum Sitzen zu unterscheiden. Abs. 99
Während der Dauer Ihres Kongresses hier, also ca. in fünf Stunden wird sich die Zahl der Weblogs weltweit um ca. 20.000 erhöht haben, in Flickr, der Foto-Community werden rund 100.000 Fotos hinzugekommen sein und im Business Netzwerk Xing/früher OpenBC werden mehr als 1000 neue Kontakte sich eingetragen haben. Abs. 100
Web 2.0 ist - wie ich Ihnen zeigen wollte - ein Buzz Word, ein Modewort. Und wie alle Buzz-Wörter sind davon Investoren fasziniert. Und hier stecken die Gefahren. Abs. 101
Der Wissenschaftler Jörg Kantel vom Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte formuliert dies so: " Zum einen kann das Interesse des großen Geldes, das mit aller Macht in den neuen Markt drücken will, die durchaus vorhandenen emanzipatorischen Möglichkeiten, die in den neuen Formen des Netzpublizierens stecken, an den Rand oder ganz ins Abseits drängen. Zum zweiten kann eine sicher bald einsetzende Enttäuschung darüber, dass man im Web 2.0 doch nicht so schnell wie Dagobert Duck im Geld schwimmen kann, die positiven Möglichkeiten der Social Software überdecken." Abs. 102
Das Beruhigende an dem Phänomen Web 2.0 ist, dass es natürlich auch jede Menge kluger Gegner gibt. Auf zapatopi.net gibt es die Feinde und auf der Webseite isolatr.com kann man ordentlich über Web 2.0 ablästern. Übrigens für Ihr juristisches Denken interessant: jeder Kongress, der Web 2.0 in seinem Namen integrieren will, muss mit einer Klage von O'Reilly rechnen, der sich das Urheberrecht zuschreibt. Abs. 103
Mein Fazitangebot für Sie zum Phänomen Web 2.0 ist einfach: Abs. 104
... es machen weltweit schon zu viele mit, als dass man es ignorieren könnte .... irgendetwas sollten Sie also auch in diesem Kosmos etablieren und wenn es eine Filiale in Second Life ist ... . Abs. 105
Ich danke Ihnen ....
JurPC Web-Dok.
81/2007, Abs. 106
(Vortrag, gehalten in der Europäischen EDV-Akademie des Rechts in Merzig am 17.04.2007. Die Vortragsform wurde beibehalten.)
* Bernt von zur Mühlen ist geschäftsführender Gesellschafter des Consultant- und Research-Unternehmens Bernt von zur Mühlen & Partner mit Sitz in Luxemburg.
[ online seit: 22.05.2007 ]
Zitiervorschlag: Autor, Titel, JurPC Web-Dok., Abs.

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