JurPC Web-Dok. 234/2000 - DOI 10.7328/jurpcb/20001511220

Georg Pfeiffer *

Advopolis

- Rechtsberatung in 3D -

JurPC Web-Dok. 234/2000, Abs. 1 - 10


Im letzten AdVoice (3/00) gab es eine Werbebeilage für Advopolis - "Die gerechte Chance für Rechtsanwälte[,] mehr Mandate zu bekommen". Es handelt sich um die virtuelle Nachbildung eines Bürohauses mit verschiedenen Beraterkanzleien im Internet, zugänglich unter http://www.advopolis.de. Der Autor hat ein gewisses Faible für künstliche Welten und hat sich das Angebot einmal angeschaut.JurPC Web-Dok.
234/2000, Abs. 1
Virtuelle Räume
Zunächst betritt der Besucher ein "Foyer", wo er einem zumeist anwesenden Empfangsmitarbeiter Fragen stellen kann, die dieser auch bereitwillig beantwortet. Von diesem Foyer aus kann er einen der drei "Veranstaltungsräume" betreten oder eine der zahlreichen "Kanzleien" aufsuchen. Eine solche "Kanzlei" besteht aus einem "Vorzimmer" und einem "Beratungsraum". In allen diesen Räumen wird dem Besucher angezeigt, welche "Personen" sich dort aufhalten. Er hat drei Möglichkeiten, sich mit den anwesenden "Personen" zu unterhalten bzw. zu chatten. Was man im öffentlichen Chat sagt, können alle im Raum anwesenden Personen hören bzw. lesen. Man kann einzelnen Personen etwas zuflüstern, d.h. der entsprechende Text wird nur dieser Person angezeigt. Und man kann mit einer Person einen "privaten" Chat eröffnen. Dann öffnet sich ein neues Fenster, das nur den beiden Beteiligten sichtbar ist und in dem sie sich miteinander unterhalten können. Zusätzlich hat jeder Raum Sonderfunktionen.
Abs. 2
Im Beratungszimmer können sich maximal drei Personen aufhalten. Der "Berater" kann den Raum jederzeit abschließen, so daß niemand zusätzlich eintreten und das Beratungsgespräch stören kann. Interessant ist die Möglichkeit des sog. Netmeeting. In einem Bereich des Bildschirms befindet sich ein Eingabefeld, in welches jeder Beteiligte eine URL (Internet-Adresse) eingeben kann. Daraufhin wird die betreffende Seite in diesem Bildschirmbereich angezeigt und ist für alle Beratungsteilnehmer sichtbar. So können sich die Teilnehmer gemeinsam Internet-Seiten ansehen und sozusagen gemeinsam "surfen". Darüberhinaus besteht die Möglichkeit, sich Videosequenzen anzusehen, die der Berater für seine Besucher bereithält. Schließlich kann sich der Besucher auch die üblichen Kontaktinformationen und vom Berater bereitgestellte Fachbeiträge anzeigen lassen.Abs. 3
Das Vorzimmer hat eine interessante Eigenschaft: Wann immer jemand das Vorzimmer betritt, ertönt an dem Rechner des Beraters ein Klingelzeichen - wenn er denn "Online" ist. Im übrigen kann man sich dort ebenfalls die bereitgestellten Kontaktinformationen, Fachbeiträge und Videos ansehen.Abs. 4
Die drei Veranstaltungsräume bieten die Möglichkeit, sich dort in größerer Zahl zu treffen und zu chatten oder vom Veranstalter bereitgestellte Videos anzusehen. Abs. 5
Im Foyer gibt es außer dem Empfang noch ein recht schlicht ausgestattetes Diskussionsforum ("Treffpunkt") und eine Art News-Dienst ("Aktuelles") sowie einen Veranstaltungskalender.Abs. 6
Personalmanagement
Nicht uninteressant ist die Möglichkeit einem Berater mehrere Mitarbeiter zuzuordnen. Advopolis- Mitglieder, die sich unter dem entsprechenden Namen angemeldet haben, können dann das Informationsangebot der "Kanzlei" eines bestimmten Beraters bearbeiten und hören es auch klingeln, wenn jemand das Vorzimmer betritt. Es wäre somit denkbar, seine wirkliche Sekretärin auch in der virtuellen Kanzlei das Vorzimmer besetzen und sie dort ihre übliche Funktion ausüben zu lassen - vorausgesetzt, daß der wirklichen Sekretärin eine solche virtuelle Welt vermittelbar ist.
Abs. 7
Sicherheit
Jeder Besucher von Advopolis kann die Gespräche, an denen er teilnimmt, mitschneiden, abspeichern und ausdrucken. Advopolis versichert, alle nur denkbaren Sicherheitsvorkehrungen getroffen zu haben, die Datenübertragung sei hochgradig verschlüsselt und "abhörsicher". Andererseits zwingt bzw. verführt der Dienst seine Teilnehmer, die eigenen Sicherheitsvorkehrungen, Firewall und Proxy-Server, mehr oder weniger zu umgehen und seinen lokalen Rechner im Internet sichtbar zu machen. Das ist ungefähr so, als wenn man IRL (im richtigen Leben) seine Haustür offenstehen läßt - eine Einladung an jeden Interessierten, sich einmal umzusehen.
Abs. 8
Die Oberfläche
Der Benutzer hat die Wahl zwischen zwei- und dreidimensionaler Darstellung. In der 2D-Darstellung werden die jeweiligen Räume durch statische Bilder ohne aktive Bereiche dargestellt. Die Navigation erfolgt ausschließlich über Menüs und Hyperlinks. Für die 3D-Darstellung ist eine besondere Software erforderlich. Anwesende Personen werden durch sog. Avatare bildlich dargestellt. Der Teilnehmer kann sich durch die Räume bewegen, durch Türen gehen, sich auf Stühle setzen und durch Anklicken von Gegenständen oder Personen (Avataren) bestimmte Funktionen aufrufen. Mit einer weiteren Zusatzsoftware (Voice) kann man sich die Dialogtexte vorlesen lassen. Eine weitere Zusatzsoftware (RealPlayer) ist erforderlich, um die bereitgestellten Videos abzuspielen.
Abs. 9
Sinn und Unsinn der virtuellen Kanzlei
Advopolis verkündet vollmundig, dies sei die "Rechtsberatung der Zukunft". Die Idee eines Systems verknüpfter Chat-Räume mit spezifischen Sonderfunktionen und einer bestimmten thematischen Ausrichtung mag einen gewissen Reiz für sich haben. Gruppen weit voneinander entfernter Personen können sich dort treffen und miteinander chatten, ohne die sonst im Internet allgemein zugänglichen öffentlichen Chats zu benutzen. Interessant erscheint auch die Möglichkeit, über Netmeeting gemeinsam Internetseiten abzurufen. Für ein ernsthaftes Beratungsgespräch ist der Chat aber die denkbar ineffizienteste Form. Jedes Telefongespräch - auch in den entferntesten Winkel der Welt - ist sehr viel effektiver. Solange keine Echtzeitübertragung von Bild- und Tondaten möglich ist und keine echte Videokonferenz veranstaltet werden kann, erscheinen die Video- und Voicefunktionen - wie die 3D-Darstellung stereotyper Räume und Avatare ohnehin - als blanker "Schnick-Schnack". Das Verhältnis vom technischen Aufwand zum erzielten Ergebnis enttäuscht. Dass in derartigen virtuellen Räumen tatsächlich ernsthafte Rechtsberatung stattfinde, hat der Autor noch nicht erlebt und kann es sich auch nicht recht vorstellen. Er ließe sich aber gern eines besseren belehren. Was die Präsentation im Internet betrifft, so scheint doch jede herkömmliche Homepage mehr Möglichkeiten zu bieten als diese verspielte 3D-Welt. Ein System verknüpfter Chat-Räume mit starker Verschlüsselung und passenden Zusatzfunktionen könnte vielleicht eine gute Ergänzung dazu sein. Es würde aber mehr Sinn machen und wäre wohl auch leistungsfähiger, wenn man den ganzen Multimedia-Schnick-Schnack einfach wegließe und ihm eine schlichte HTML-Oberfläche verpaßte.
JurPC Web-Dok.
234/2000, Abs. 10
* Georg Pfeiffer ist als Rechtsanwalt in Berlin tätig. Seine Interessengebiete sind Verwaltungsrecht und Online-Recht. Homepage: http://www.praetor.de. E-Mail: gp@praetor.de.
[online seit: 20.11.2000]
Zitiervorschlag: Autor, Titel, JurPC Web-Dok., Abs.

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