JurPC Web-Dok. 62/2000 - DOI 10.7328/jurpcb/200015454

Paul Tiedemann *

Das Rocket-eBook - der kleine Freund mit dem großen Wissen

JurPC Web-Dok. 62/2000, Abs. 1 - 12


Autorenprofil
Dies ist ein Testbericht über das Rocket-eBook der kalifornischen Fa. NuvoMedia (deutsche Homepage: http://www.rocket-ebook.de). Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Das Rocket- eBook könnte das Arsenal juristischen Handwerkszeugs fundamental revolutionieren und früher oder später das Aus bedeuten für jene dickleibigen, rotbändigen Loseblattsammlungen deutscher und europäischer Kodifizierungen, von denen mehr als eine in der dickbauchigen Aktentasche zu transportieren bereits Bandscheibenprobleme provozieren kann. Deshalb werden diese Monstren auch selten transportiert, zumal man gewöhnlich ja auch immer nur einen kleinen Teil der Vorschriften wirklich benötigt. In Fernsehfilmen sieht man diese Folianten stets sehr beeindruckend mit dem Buchrücken zur Kamera hin in einer Phalanx aufgebaut, hinter der ein Seriosität ausstrahlender Advokat Rechtsrat absondernd hervoräugt.JurPC Web-Dok.
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Zugegeben: So fotogen ist das Rocket-eBook nicht. Aber genau so leistungsfähig, in den Herstellungskosten erheblich preiswerter und vom Umfang so, dass es notfalls in die Manteltasche passt. In meiner Hand liegt ein Read-Only-Computer mit den Ausmaßen eines Taschen-buches (185x125x30). 625 Gramm bringt der Winzling auf die Waage. Der hochauflösende Bildschirm (115x80) ist nach eigenen Bedürfnissen beleuchtbar und bietet sehr angenehme Lesebedingungen. Auch bei einer Lektüre von mehreren Stunden ermüden die Augen nicht mehr als bei einem Buch aus der Gutenberg-Galaxie. Vor allem kann man nachts im Bett schmökern, ohne den Partner zu stören, weil man keine weitere Lichtquelle braucht. In seinem Inneren bietet das Rocket-eBook mit seinem Speicher von 4 MB Platz für ca. 4000 Seiten Lesestoff. Das läßt sich durch Aufrüstung auf 32 MB vervielfachen. Abs. 2
Und damit wären wir bei den Inhalten. Was kann und soll man mit dem Rocket-eBook eigentlich lesen? Nach Auskunft des deutschen Distributors besteht die Firmenphilosophie von NuvoMedia darin, nicht mit der Hardware, sondern mit der Software, also mit den elektronischen Büchern Geld zu verdienen und zwar mit solchen, die nur mit dem Rocket-eBook gelesen werden können. Dabei sucht NuvoMedia die Zusammenarbeit mit herkömmlichen Verlagen. Diese sollen ihre Bücher nicht nur als Print-Editionen, sondern auch als sogenannte Rok-ketEditions anbieten und über das Internet vertreiben. Und hier liegt die große Chance für C.H.Beck und Konsorten. Es ist denkbar (und wünschenswert), dass die einschlägigen Verleger Gesetzessammlungen auch als RocketEditions verfügbar machen und es damit dem Juristen erlauben, seinen ganzen Schönfelder, sämtliche Sartoriusse und die Gesetzessammlungen seines Spezialgebietes, zumindest aber die Texte, die er tatsächlich braucht, in das Rocket-eBook zu packen und über diesen Winzling jederzeit an jedem Ort darauf zuzugreifen. Doch wie kommt man an die RocketEditions ran?Abs. 3
Zuerst muß man einmal sein neu erworbenes Rocket-eBook über die WebSite von NuvoMedia registrieren lassen. Zu diesem Zweck schließt man zunächst die zum Rocket-eBook gehörende Docking Station an einen freien COM-Port des eigenen PC an. Sodann legt man das Rocket-eBook in die Docking Station und installiert die mitgelieferte deutschsprachige Software RocketLibrarian. Anschließend geht es ans Registrieren und hier dürfte es für viele Anwender bereits eine Hürde geben, nämlich für all diejenigen, die über ein externes Modem mit dem Internet verbunden sind. Gewöhnlich wird dafür der COM-Port 2 genutzt, den wir jetzt aber auch für die Rocket-eBook Docking Station brauchen. In diesem Falle hilft nur der Verzicht auf die Maus, so dass Modem oder Docking Station an COM1 angeschlossen werden kann. Glücklich ist hier, wer über ein internes Modem oder eine ISDN-Karte und damit über einen freien COM-Port 2 verfügt.Abs. 4
Die Registrierung erfolgt per Klick auf eine entsprechende Option von RocketLibrarian. Dadurch wird der Browser gestartet und automatisch eine Verbindung mit der Registrierungssite von NuvoMedia hergestellt. Unter anderem ist nun auch die eMail-Adresse anzugeben, die man später beim Kauf der eBücher verwenden will. Durch die Registrierung wird dem Eigentümer des jeweiligen Rocket-eBook auf dem Rocket-Server (http://www.rocket-ebook.de) ein persönliches Fach eingerichtet, das sogenannte Rocket-Konto . In diesem Konto wird aufgezeichnet, welche Bücher man erworben hat, und zwar gleichgültig, von welchem Buchhändler man sie erworben hat. Außerdem erhält der Anmelder durch die Registrierung ein Rocket-Zertifikat, das aus einer RocketID und einem RocketKey besteht. Das Zertifikat wird bei der Registrierung automatisch in das an den PC angedockte Rocket-eBook kopiert. Beim Kauf eines Buches bei einem Online-Buchhändler ist stets die RocketID anzugeben. Darauf erhält man das gewünschte Buch so verschlüsselt geliefert, dass es nur mit Hilfe des eigenen RocketKey gelesen werden kann. Da der RocketKey auf dem Rocket-eBook und nur auf diesem einen Rocket-eBook liegt, ist es auch nur mit diesem einen Gerät möglich, das jeweils erworbene Buch zu lesen. Auf diese Weise werden die Urheberrechte besser geschützt als durch jederzeit kopierfähige Bücher aus der Gutenberg-Welt. Wer ein Buch an andere verleihen will, muß auch gleich das Rocket-eBook dazugeben.Abs. 5
Ist das Rocket-eBook erst einmal registriert, kann man daran gehen, Bücher zu kaufen. Die ersten 500 Titel sollen in der ersten Jahreshälfte 2000 ins Angebot kommen. Es wird sich dabei überwiegend um belletristische Texte handeln, die man gemütlich unter der Bettdecke schmökern kann. NuvoMedia ist aber auch mit deutschen juristischen Fachverlagen im Gespräch und es steht zu hoffen, dass auch die einschlägige Fachliteratur bald zum Erwerb und Download zur Verfügung steht. Abs. 6
Im Rahmen meines Tests habe ich eine Sammlung von Erzählungen aus der Feder Goethes über einen öffentlich noch nicht zugänglichen Test-Account der Firma BOL erworben. Die Prozeduren beim Online Kauf sind dieselben wie beim Kauf von gedruckten Büchern. Man legt den gewählten Titel in einen Einkaufskorb und gibt neben seinen persönlichen Daten und seiner Kreditkartennummer insbesondere auch seine eMail-Adresse und die RocketID an. Nach Abschluß des Kaufvorganges steht der Titel zum Download bereit. Zugleich wird der Titel auch auf dem passwortgeschützten Rocket-Konto hinterlegt. Mittels der mitgelieferten Software lädt man dann den Titel vom PC in das angedockte Rocket-eBook, wo er zum Lesen bereitsteht. Abs. 7
Wenn der Speicher voll ist, kann man jederzeit Titel löschen, um Platz für andere zu haben. Die gelöschten Titel kann man später wieder von der Festplatte des PC holen. Ist er von der Festplatte gelöscht worden oder z.B. wegen eines Festplatten-Crashs nicht mehr zugänglich, macht das auch nichts. Man kann sich den Titel jederzeit vom Rocket-Konto erneut herunterladen.Abs. 8
Für die Lektüre stellt das Rocket-eBook noch einige sehr nützliche Optionen bereit. So lassen sich Lesezeichen setzen, Notizen hinzufügen, Textstellen unterstreichen und nach beliebigen Stichworten suchen. Schriftart und Schriftgröße lassen sich nach Belieben wählen. Die Suchworte oder die Notizen werden mittels eines mitgelieferten Griffels auf eine Screentouch Tastatur eingegeben in der ich allerdings das "§"-Zeichen vermisst habe. Im übrigen ist die Bedienung dieser Elemente aber sehr leicht und angenehm. Abs. 9
Neben der Funktion als Bücherregal und Schnittstelle zu den RocketEditions dient das Rocket-eBook auch zur Lektüre eigener Texte. Mittels der mitgelieferten Software ist es ohne weiteres möglich, jeden ASCII-Text und jedes HTML-Dokument in das Rocket-eBook-Format zu konvertieren und damit im Rocket-eBook lesbar zu machen, wobei auch Hyperlinks benutzbar bleiben. Da diese Texte nicht verschlüsselt sind, können sie auf jedem Rocket-eBook gelesen werden. Es gibt übrigens auch eine stattliche Sammlung kostenloser Texte in englischer Sprache (http://www.rocket-library.com), die zum Download angeboten werden, (Beispiel: King James Bible; Categorie: Religion; Author: God). Abs. 10
Die größte Schwachstelle des Rocket-eBook sehe ich darin, dass die Texte im Rocket-eBook keine Seitenzählung kennen. Statt dessen markiert ein seitlicher dunkler Streifen optisch, an welcher Stelle im Gesamttext man sich befindet. Berührt man diesen Streifen mit dem Griffel, erhält man eine Prozentangabe. Man befindet sich also nicht auf Seite 17 des Textes, sondern bei 23% des Textes. Man kann dann eingeben, dass man auf 45% vor- oder auf 9% zurückblättern will. Der Verzicht auf Seitenzahlen schränkt die Zitierfähigkeit von Rocket eTexten erheblich ein. Für Gesetzessammlungen mag das unerheblich sein, bei Fachbüchern und Kommentaren führt es zu einem wesentlichen Mangel. Denn Zitate sind nicht so darstellbar, dass sie sowohl für den Benutzer des Rocket-eBook als auch für den Benutzer der gleichlautenden Papierausgabe zu finden sind. Um im wissenschaftlichen und im juristischen Buchmarkt erfolgreich zu sein, wird sich NuvoMedia hier noch etwas einfallen lassen müssen. Abs. 11
Doch davon abgesehen ist das Rocket-eBook ein Schatz, den man schnell lieben lernt. Es war ein trauriger Tag, als ich das nur leihweise zur Verfügung gestellte Gerät wieder zurückschicken mußte. Seit jenem Tag suche ich verzweifelt nach schwarzen Kassen oder Konten in Liechtenstein und anderswo, aus denen ich die 199,-- US$ nehmen könnte, um mir das Ding zuzulegen. Ich hoffe, dass meine brutalstmögliche Suche nach den nötigen Kröten eines Tages erfolgreich sein wird.
JurPC Web-Dok.
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* Paul Tiedemann, Dr. iur. (49) (http://www.rz.uni-frankfurt.de/~pati/homepage.htm), ist Richter am Verwaltungsgericht Frankfurt am Main und betreut die Website dieses Gerichts. Daneben ist er Lehrbeauftragter für Verfassungsrecht an der Verwaltungsfachhochschule Wiesbaden. Er ist Herausgeber der Datenbank Gewissensfreiheit (http://www.rz.uni-frankfurt.de/~pati/) und Autor zahlreicher Bücher zur fachwissenschaftlichen Nutzung des Internet, darunter "Internet für Juristen", Darmstadt 1999 und "Internet für Philosophen", 2. Aufl. Darmstadt 1999.
[online seit: 17.04.2000]
Zitiervorschlag: Autor, Titel, JurPC Web-Dok., Abs.

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