JurPC Web-Dok. 175/1998 - DOI 10.7328/jurpcb/19981311176

Friedrich Scheuermann *

"Eurasia Online 98"

- Telematik in Zentralasien: Erfahrungen und Impressionen zur Teilnahme an einer Konferenz in Almaty -

JurPC Web-Dok. 175/1998, Abs. 1 - 9


Autorenprofil
Wenn die Europäische Kommission gemeinsam mit der UNESCO eine internationale Konferenz in Kasachstan zum Thema "Neue Märkte für telematische Produkte und Dienstleistungen in Aus- und Weiterbildung, Gesundheitsvorsorge und elektronischem Handel" organisiert, dann kann das als ein Signal gedeutet werden, daß die Beziehungen zu einer Gegend intensiviert werden sollen, die bisher noch weitestgehend außerhalb des europäischen Interesses lag. Eine Osterweiterung der Europäischen Union in Richtung zentralasiatischer Länder ist natürlich nicht geplant. Wie das Thema andeutet, besteht hingegen das Bemühen, neue Wirtschaftsräume zu erschließen und Kooperationen zwischen den Ländern der Europäischen Union und Zentralasiens zu fördern. Aufgrund der großen Distanz und des starken Ungleichgewichtes in allen Gebieten ist dies kein leichtes Unterfangen, zumal bereits sprachliche Verständigungsschwierigkeiten eine unüberwindbare Barriere darstellen können. Aber es gibt noch andere Hürden, die eine Zusammenarbeit erschweren. Da die zentralasiatischen Länder nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion viele Bereiche umstrukturieren und andere ganz neu aufbauen, stellt dies für europäische "Partner" eine interessante Herausforderung dar, Anschubhilfe zu leisten und dabei feste Kooperationsnetzwerke zu etablieren. Für bilaterale Abkommen ist somit ein gutes Klima gegeben, zumal auch die wirtschaftlichen Entwicklungsperspektiven der Länder keinesfalls trübe scheinen. Unter dem Obertitel "Eurasia Online'98" kamen im Oktober Fachleute aus europäischen und zentralasiatischen Ländern in Almaty zusammen, um die konkreten Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu erörtern(1). JurPC Web-Dok.
175/1998, Abs. 1
Kasachstan bildet die ökonomische Führungsmacht unter den Turkvölkern. Südlich von Rußland und nordwestlich von China gelegen, ist das Land mit 2,7 Mio. Quadratkilometern das neuntgrößte der Erde. Die reichen Vorkommen an fossilen Brennelementen und der Bau neuer Pipelines für den Ölexport lassen vermuten, daß sich die wirtschaftliche Lage des Landes in Zukunft noch stark verbessern wird. Ganz ist es noch nicht gelungen, die Zeichen östlicher Tristesse abzuwerfen, die an die vergangenen Zeiten als Sowjetrepublik erinnern, doch sind die zentralasiatischen Länder bemüht, ihre nationalen Identitäten neu zu definieren, sich auf kulturelle Ursprünge zu besinnen und alte Traditionen wieder aufleben zu lassen. In Kasachstan macht sich die "Kasachisierung" z.B. bei der Einführung der kasachischen Sprache als weitere offizielle Amtssprache neben Russisch bemerkbar (2). Die neue Sprachenpolitik ist ebenso Bestandteil des Gesamtplans "Kasachstan 2030" wie viele organisatorische Maßnahmen (z.B. die Verlegung des Regierungssitzes nach Astana im Norden des Landes).Abs. 2
Für europäische Gäste ist bereits die Planung einer Reise in diese Gegend nicht frei von ungewohnten Handlungen. Wurde man von den Konferenzorganisatoren für die Teilnehmerdelegation ausgewählt, so galt es zunächst, als Voraussetzung für die Erteilung der Visa-Bescheinigung eine offizielle persönliche Einladung vorzulegen. Ebenso waren Flugverbindungen und gewählte Unterkunft frühzeitig bekanntzugeben. Dies konnte sich zu einem heiklen Unterfangen entpuppen, wenn kaum Informationen vorlagen.Abs. 3
Die Vorzüge des Internet bei der "modernen" Reiseplanung werden hierbei schnell offenkundig. Eine kurze Recherche in relevanten Suchsystemen, wie Altavista (3), erschließt eine Fülle von nützlichen Diensten und Informationsangeboten. Die Vielfalt legt nahe, daß auch unbekannte Gegenden inzwischen im Internet gut erschlossen sind, auch wenn die dortige Infrastruktur noch wenige Nutzungsmöglichkeiten zuläßt. Zudem kann der Reisende nun selbständig die Organisation seines Aufenthaltes übernehmen, ohne auf die Vermittlung durch Fachleute in Reisebüros und gedruckter Literatur angewiesen zu sein:
  • Eine Übersicht über Fluglinien und freie Plätze, Dauer und Zwischenlandungen erhält man über das führende Reisevertriebssystem "Amadeus" bei Start Media Plus (4). Nach Beantragung einer Nutzerkennung lassen sich dort auch die Flugbuchungen direkt vornehmen, ansonsten bleibt einem aber der Gang zu einem Reisebüro für diese Tätigkeit nicht erspart.
  • Für die Suche nach einem geeigneten Hotel stehen verschiedene Informationssysteme zur Verfügung. So bietet das internationale Hotelinformationssystem "All hotels"(5)eine detaillierte Übersicht zu ausgewählten Hotels und deren Ausstattung und Leistungen, Preise und Buchungsmöglichkeiten beinhaltet. Nationale und lokale Systeme ergänzen das Informationsangebot in englischer und russischer Sprache (6).
  • Gedruckte Reiseliteratur (in Buchform) ist schwierig zu erhalten. Ein Blick in die Bestände einer führenden Online-Buchhandlung (7) bestätigt, daß nur wenige Druckwerke verfügbar sind, die aktuelle Informationen zu Stadt, Land und Leuten beinhalten. Als weitaus ergiebiger erweist sich hingegen die Literatursuche in Suchmaschinen des WorldWideWeb. Als nützliche Quellen erweisen sich in diesem Fall der "Cityguide" von Lycos (8) oder der Almaty-Stadtführer (9), die über Land und Leute und die lokalen Gegebenheiten aktuell informieren. Eine Bildergalerie gibt nützliche Impressionen wieder, ebenso wie das gegenwärtige Wetter bzw. die Vorausschau für die kommenden Tage abgerufen werden kann, was die adäquate Zusammenstellung des Reisegepäcks vereinfacht.
  • Interessante Länderinformationen lassen sich aus dem englischsprachigen "Factbook" des amerikanischen CIA (10) beziehen, doch gibt es noch zahlreiche andere erwähnenswerte Informationssysteme zu den zentralasiatischen Ländern, die auch für die berufliche Tätigkeit von Nutzen sein können.
  • Aktuelle Nachrichten zur Konferenz wurden ebenfalls fortlaufend im WWW (11) publiziert. Teilnehmer wurden somit ständig auf dem laufenden gehalten, was auf traditionellen Wegen kaum möglich gewesen wäre.
Abs. 4
Einer guten Vorbereitung steht also weder in inhaltlicher noch in organisatorischer Hinsicht etwas im Wege.Abs. 5
Die Konferenz "Eurasia Online'98" stellt Teil des Projektes DENEMA (Development of a New Market for Telematic Products in Central Asia)(12) dar, das aus dem INCO- Förderprogramm der Europäischen Union gefördert wird. Eingeladen wurden nach einer entsprechenden Vorauswahl ca. 50 Teilnehmer aus verschiedenen Ländern Europas und ebenso viele Teilnehmern aus allen Ländern Zentralasiens: Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan und anderen unabhängigen Staaten wie Armenien, Georgien und Aserbaidschan. Der Personenkreis setzte sich dabei überwiegend aus Vertretern von Universitäten, Unternehmen und Regierungsstellen zusammen. Da auf keine gemeinsame Konferenzsprache zurückgegriffen werden konnte und Englisch auf der einen Seite und Russisch auf der anderen Seite als Arbeitssprache eingesetzt wurde, blieb die Kommunikation zwischen Teilnehmern auf die Vortragsräume beschränkt, wo Simultandolmetscher zur Verfügung standen. Eine Diskussion untereinander war also nur in den wenigen "Workshops" möglich, wo konkrete Absprachen mit Hilfe der Übersetzer getroffen werden konnten. Abs. 6
Neben gemeinsamen Vortragsveranstaltungen zu allgemeinen Themengebieten wurde die Diskussion der telematischen Möglichkeiten nach den Themenbereichen getrennt (Bildung, Elektronischer Handel und Gesundheit) im Rahmen der jeweiligen Arbeitsgruppe abgehandelt. Die eingeladenen Gäste aus dem Osten stellten ihre Einrichtungen, deren technische Infrastruktur und Potentiale vor, mit der inhaltlichen Ausrichtung auf die Möglichkeit konkreter Projektvereinbarungen im Rahmen europäischer Förderung. Ähnlich waren die Beiträge der europäischen Teilnehmer orientiert, die ihre technologischen Konzepte und deren erfolgreiche Anwendung vorstellten, verbunden mit der Skizzierung von Ideen möglicher Projektpartnerschaften. Für die Erschließung neuer Märkte, wie es der Konferenztitel besagt, wurden somit tatsächlich erste Grundlagen geschaffen. Dabei blieben allerdings Fragen der Finanzierung der Umsetzung solcher Projektideen vollkommen ungeklärt. Die Hoffnung, solche Projekte von der Europäischen Kommission finanziert zu bekommen, wurde schnell zerschlagen. Der Vertreter der Generaldirektion XIII der Europäischen Kommission, Jacques Babot, machte darauf aufmerksam, daß kein gesondertes Budget zur Verfügung steht und die gleichen Bedingungen herrschen, wie sie für Partner der Europäischen Union im Rahmen der Förderprogramme und deren Ausschreibungen gelten. Abs. 7
Natürlich durfte auch die obligatorische Videokonferenz mit Fachleuten der Europäischen Kommission und UNESCO nicht fehlen, die in der hohen Übertragungsqualität (über mehrere ISDN-Kanäle) sogar eine Premiere für die kasachische Telefongesellschaft Katelco darstellte und mit besonders viel Aufregung erwartet wurde. Die Präsentation und der Einsatz so vieler unterschiedlicher Informations- und Kommunikationstechnologien während der Veranstaltung beeindruckte die östlichen Konferenzteilnehmer sehr. Dies machte sich in dem Wunsch offenkundig, an der Nutzung solcher Technologien in Zukunft teilhaben zu können. Die Diskussion der Sinnhaftigkeit des Einsatzes diverser Technologien in zentralasiatischen Ländern nahm aber nur wenig Raum ein. In einen Land wie Kasachstan, in dem die telematische Infrastruktur noch wenig ausgeprägt ist und bereits das Telefonnetz mit 2,2 Mio. Teilnehmern als unterentwickelt gilt, macht z.B. die ernsthafte Integration von Videokonferenz-Einrichtungen zu Ausbildungszwecken zu diesem Zeitpunkt noch wenig Sinn. Auch wäre eine Erörterung der Kostenfrage für die Inbetriebnahme und Unterhaltung telematischer Systeme wichtig gewesen. Aufgrund des großen Nachholbedarfs und Wissenskluft hinsichtlich des Technologieeinsatzes fehlen hier bei den zentralasiatischen Partnern, bei denen selbst der Besitz eines Computers nicht die Regel ist und Texte oft noch auf Schreibmaschinen angefertigt werden, noch klare Vorstellungen. Zunächst müssen also noch wesentliche strukturelle Anpassungsschritte unternommen werden, bevor ein funktionierender Markt für schmal- oder breitbandige telematische Produkte Realität werden kann. Abs. 8
Die diversen Touristik-Informationen des Landes im WWW deuten darauf hin, daß die Bedeutung des Internet bereits erkannt und in Konzepten umgesetzt wurde. Hier lassen weitere Anwendungen auf sich warten, doch ist es nur eine Frage der Zeit, bis der neue Markt auch in weiteren Sektoren im Internet vertreten ist. Zumindest im Bildungsbereich sind vielfältige Kooperationen realisierbar. Was schließlich tatsächlich umgesetzt wird, hängt ebenso von der technischen Infrastruktur wie von finanziellen Fragen ab.
JurPC Web-Dok.
175/1998, Abs. 9

Fußnoten:

(1) Das Konferenzprogramm läßt sich unter http://www.katelco.comabrufen.
(2) Dies hatte auch die Umbenennung kasachischer Städte zur Folge. So wurde der Name der früheren Landeshauptstadt Alma-Ata in "Almaty" geändert.
(3) http://www.altavista.com
(4) http://www.start.de/setr03.htm
(5) http://www.all-hotels.com/
(6) z.B. http://www.supermarket.almaty.kz/
(7) http://www.amazon.de
(8)http://cityguide.lycos.com/asia/west/KAZAlmaty.html
(9)http://www.geocities.com/TheTropics/1915/about.htm
(10)http://www.odci.gov/cia/publications/factbook/kz.html
(11) http://www.katelco.com
(12)http://www.katelco.com/UNESCO/denema_en.html
* Friedrich Scheuermann, M.A. (Informationswissenschaft, Psychologie, Rechtsinformatik) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Rechtsinformatik der Universität des Saarlandes. Er ist dort für Telelearning und verschiedene Europäische Förderprogramme zuständig. E-Mail: scheuermann@jura.uni-sb.de(Homepage: http://www.uni-sb.de/~fritz).
[online seit: 27.11.98 ]
Zitiervorschlag: Autor, Titel, JurPC Web-Dok., Abs.

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